
BREMISSIMA
Leichtigkeit leben
Yoga mit Vera Volmer
Text: Andreas Schack
Fotos: Britta Gottschalk, Privat
Yoga begleitet Vera Volmer schon seit vielen Jahren. Nach ihrer Ausbildung zur Yogalehrerin in New York gibt sie ihre Erfahrungen heute in Bremen weiter.
Noch bevor das Haus wach wird, noch bevor der Tag beginnt, liegt Vera Volmer einen Moment länger still in ihrem Bett und atmet bewusst. Ruhig ein. Ruhig aus. Nur fünf Minuten. Mehr braucht es nicht. „Das ist mein Minimum“, sagt sie. Diese tägliche Verbindlichkeit sich selbst gegenüber ist ihr wichtig, auch an vollen Tagen. Alles andere ist Bonus.
Erst danach steht sie auf, trinkt ein Glas warmes Wasser und macht, wenn es passt, noch einen Sonnengruß. Viel Zeit bleibt nicht. Ihr Alltag ist dicht. Yoga fügt sich hinein, statt zusätzlichen Druck zu erzeugen. Es schafft Struktur und Klarheit und eine bewusste Praxis, die trägt, statt auszuweichen.
Vera Volmer lebt mit ihrer Familie in Bremen-Oberneuland. Sie unterrichtet Yoga im Tanzstudio Polkadot und im Studio am Stern, gibt Workshops und Einzelstunden. Ihre Arbeit speist sich aus Einflüssen verschiedener Yogaschulen, die sie über viele Jahre gesammelt, geprüft und in eine eigene, stimmige Praxis integriert hat. Ihr Unterricht ist achtsam, klar und freundlich – sich selbst gegenüber genauso wie anderen. Yoga versteht sie dabei nicht als Rückzug, sondern als Grundlage für Verbindung.
Vom Kopf ins Spüren
Geboren und aufgewachsen ist Vera Volmer in St. Petersburg. Dort studiert sie und lernt auch ihren späteren Mann kennen. Die beiden begegnen sich auf dem Campus der Universität, an der er an einem internationalen Programm teilnimmt – und verlieben sich. Nach dem Studium und einer Zeit der Fernbeziehung zieht sie nach Bonn zu ihm.
In Bonn beginnt sie eine erfolgreiche Laufbahn im Marketing eines internationalen Lebensmittelunternehmens. Die Arbeit ist anspruchsvoll, strukturiert und fordernd. „Ich war ehrgeizig und sehr kopflastig“, sagt sie rückblickend. Die Verantwortung ist hoch, der Blick stets nach vorne gerichtet. Diese Zeit prägt sie. Klarheit, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit im Handeln bleiben und bilden bis heute die Grundlage ihrer Arbeit als Lehrerin.
Yoga tritt in dieser Phase eher überraschend in ihr Leben. Eine Freundin nimmt sie spontan mit in einen Kurs. Sie rollt die Matte aus, ohne große Erwartung. Der Moment, der bleibt, ist unscheinbar und prägend zugleich. Eine Balance-Haltung, ein leichtes Wanken und die Erkenntnis, dass Grübeln hier nicht hilft. „Wenn ich jetzt nicht ganz bei mir bin, falle ich um“, erinnert sie sich. Plötzlich ist sie im Moment. Als sie den Raum verlässt, ist etwas anders. Nicht spektakulär, aber spürbar. „Mein Kopf war ruhig“, sagt sie. Nicht für immer. Aber für diesen Augenblick. Und Yoga bleibt in ihrem Leben.




Leichtigkeit im Leben
Später zieht die Familie nach Berlin. Beruflich übernimmt Vera Volmer dort eine Position im Brand Management eines globalen Getränkekonzerns. Gleichzeitig verändert sich ihr privater Alltag. In Berlin wird ihr zweites Kind geboren, das Leben wird voller, dichter, komplexer. Vera Volmer organisiert, plant, funktioniert. Yoga wird in dieser Zeit zu einem Gegengewicht. „Ich habe lange geglaubt, dass man Dinge nur erreichen kann, wenn man sich sehr stark anstrengt“, sagt sie. „Und irgendwann gemerkt, dass zu viel Wollen eher blockiert.“
Diese Erkenntnis zieht sich seither durch ihre Praxis. Verbissenheit bringt selten Stabilität hervor. Weder auf der Matte noch im Leben. „Wenn ich etwas unbedingt erzwingen will, eine Haltung, eine Entscheidung oder einen Zustand, dann verkrampft alles“, sagt sie. „Sobald ich Leichtigkeit zulasse, entsteht Raum.“ Auf der Matte ist das unmittelbar erfahrbar. Wer mit reiner Kraft in den Handstand will, kippt oft um. Wer den Atem beruhigt, wartet und dosiert, findet Halt. „Leichtigkeit ist keine Beliebigkeit“, sagt Vera Volmer. „Sie ist Vertrauen.“
Yoga in New York
2016 zieht die Familie für mehrere Jahre nach New York. Für Vera Volmer ist das der Moment, Yoga nicht nur zu praktizieren, sondern zu vertiefen. She absolviert dort ihr Lifepower Yoga Teacher Training unter der Leitung von Jonny Kest und beginnt bald selbst zu unterrichten.
New York erlebt sie dabei als einen Ort, an dem Yoga offen und zeitgemäß vermittelt wird. Weniger Dogma, mehr Verbindung von Körper, Atem und Nervensystem. Sie sammelt in dieser Zeit Impulse aus unterschiedlichen Richtungen – dynamische Vinyasa-Praxis, präzise Ausrichtung des Iyengar Yoga, Atemarbeit und philosophische Hintergründe. Yoga versteht sie dabei nicht als abgeschlossenen Weg, sondern als kontinuierlichen Prozess – ein Lernen und Weiterentwickeln, das nie aufhört.
Eddie Stern ist ihr wichtigster Lehrer. Seine Arbeit, die Yoga-Philosophie mit wissenschaftlicher Forschung verbindet, prägt ihre eigene Praxis und ihren Unterricht bis heute. Erkenntnisse zur Wirkung von Atem und Bewegung auf das Nerven- und Hormonsystem bestätigen das, was sie selbst erfahren hat. „Yoga hilft, das Nervensystem zu regulieren“, sagt sie, „und verändert damit auch die Art, wie wir mit Stress, Druck und Herausforderungen umgehen.“

Familie in Bremen
Ende 2018 kehrt die Familie nach Deutschland zurück – nach Bremen. Ruhiger, näher an der Familie. Für Vera Volmer beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie startet bewusst ohne eigenes Studio. Heute unterrichtet sie regelmäßig im Tanzstudio Polkadot und im Studio am Stern.
Ihr Unterricht ist Ashtanga-basiertes Vinyasa, ergänzt um therapeutische Elemente. Die Stunden sind klar strukturiert und zugleich offen. Kraftvolle, präzise geführte Sequenzen wechseln sich mit ruhigen Phasen ab. Atemarbeit ist immer Teil der Praxis, aber nie Selbstzweck. „Wenn wir langsamer atmen, kommt der Körper aus dem Alarmmodus“, sagt sie. „Der Kopf wird leiser, der Blick weiter.“
„Yoga bewertet nicht“, sagt sie. „Jeder bringt mit, was gerade da ist. Und jeder geht in seinem Tempo.“ Entscheidend sind für sie dabei Vertrauen und Commitment – die Bereitschaft, sich einzulassen und dranzubleiben, ohne sich zu überfordern. Viele Teilnehmende nehmen diese Erfahrung mit in ihren Alltag. In Gespräche. In stressige Situationen. In Entscheidungen. Wer lernt, bei sich anzukommen, kann auch anderen präsenter begegnen.
Wertvoller Begleiter
Yoga ist für Vera Volmer ein wertvoller Begleiter. Etwas, das sich an unterschiedliche Lebensphasen anpasst. Mal kraftvoll, mal leise. Mal stabil, mal beweglich. Sie gibt Yoga weiter, weil sie selbst erfahren hat, wie wirksam es sein kann. Nicht als Lösung für alles, sondern als Unterstützung. Für mehr Ruhe im Kopf. Für Vertrauen in den eigenen Körper. Und für die Fähigkeit, im Leben anderer präsent zu sein.
„Yoga“, sagt sie, „begleitet uns durchs Leben. Und es macht klar: wirklich für andere da sein können wir erst, wenn wir bei uns selbst ankommen.“
Instagram: vera.in.flow



