
SCHWACHHAUSEN magazin
Totally Nuts
Total verrückt nach Nüssen
Text: Andreas Schack
Fotos: Vera Döpcke, Totally Nuts
Wasabi-Erdnüsse mit Cashews und kandiertem Ingwer, Kirschen mit Mandeln und Schokolade oder Kokos mit Marshmallows: Mit Totally Nuts hat Friederike Thornagel-Schnisa aus Schwachhausen das klassische Studentenfutter einmal kräftig durchgeschüttelt. Entstanden ist daraus nicht nur ein neuer Snack. Es ist auch ein Familienprojekt, das in gut einem Jahr den Weg vom Küchentisch ins Supermarktregal geschafft hat.
Ein Mann balanciert mehrere Kartons auf einem Skateboard und rollt damit vorsichtig Richtung Bremer Innenstadt. Eine Sackkarre besitzt er noch nicht. Mit dem Auto kommt er nicht bis vor die Tür und zum Tragen sind es einfach zu viele Kisten. Also muss das Skateboard seines Sohnes her, das zufällig im Kofferraum liegt. Ein Passant bietet unterwegs sogar seine Hilfe an. Doch es geht auch so. Die Kartons kommen an. In ihnen stecken die ersten Becher Totally Nuts für Made in Bremen, den Bremer Concept Store für regionale Produkte.
Der Mann mit dem Skateboard ist Kai Thornagel. Doch hinter Totally Nuts steckt vor allem die Idee seiner Frau Friederike Thornagel-Schnisa. Kai hilft, wenn sein Wissen gefragt ist. Die beiden Söhne Max und Felix packen auch mit an. So ist aus der Geschäftsidee ein Projekt der ganzen Familie geworden. Dass Kai die erste Lieferung noch auf einem Skateboard durch Bremen rollt, passt dabei ziemlich gut zur Geschichte. Denn vieles bei Totally Nuts ist genauso entstanden. Ausprobieren, schauen, wie es funktioniert, und dann den nächsten Schritt machen.
Etwas mehr als ein Jahr zuvor sitzt die Familie an einem Samstagnachmittag zu Hause in der Orleansstraße in Schwachhausen am Küchentisch. Friederike ist Lerntherapeutin. Sie mag Nüsse. Der Rest der Familie auch. Nur das Angebot im Supermarkt finden alle ein bisschen langweilig. Studentenfutter? Grundsätzlich okay. „Aber es könnte noch cooler sein“, finden sie. Also beschließt die versammelte Runde kurzerhand: Dann machen wir unsere eigene Nussmischung.
Kurz darauf fährt die Familie in den Supermarkt und kommt mit reichlich Material zurück: Nüsse, Trockenfrüchte, Schokolade, Süßes, Würziges. Der lange Tisch füllt sich schnell. Eine kleine Waage kommt dazu und dann darf jeder mischen. Auch Max und Felix machen mit. 20 oder 30 Mischungen entstehen so an diesem Nachmittag. Manche schmecken besser, andere weniger. Doch einige haben genau das, wonach alle gesucht haben.
Spaß im Becher
Drei Sorten gibt es heute zu kaufen. „Asia Connection“ verbindet scharfe Wasabi-Erdnüsse und geröstete Cashews mit kandiertem Ingwer und karamellisierten Erdnüssen. „Cherry Cherry Lady“ bringt getrocknete Kirschen und Cranberrys mit Mandeln, Cashews, Schoko-Drops und knusprigen Schoko-Dinkel-Kugeln zusammen. In „Wolke 7“ treffen Mandeln, Kokoschips und Kokoswürfel auf Mini-Marshmallows, weiße Schoko-Drops und schokolierte Kirschen.
Spätestens beim Probieren versteht man, was Friederike am klassischen Studentenfutter gefehlt hat. In jedem Becher passiert etwas anderes. Mal kommt zuerst die Schärfe des Wasabis, dann die Süße des Ingwers. Mal knackt eine Mandel zwischen Schokolade und fruchtiger Kirsche. Bei Wolke 7 wird es mit Kokos, Marshmallows und weißer Schokolade fast schon ein bisschen verspielt.
Natürlich bleiben Nüsse Nüsse. Aber Totally Nuts will auch gar nicht der nächste besonders vernünftige Gesundheitssnack sein. „Es geht um Spaß“, sagt Friederike. Und genau das sieht man auch den Bechern an. Für das bunte Comic-Design holt die Familie den befreundeten Designer Mario Ellert dazu. Friederike erzählt ihm, was sie sich vorstellt. Mario macht daraus das knallbunte Design, das die Becher heute prägt. Jede Sorte bekommt ihren eigenen Charakter.



Doch auch hier ist die erste Idee noch lange nicht die letzte. Frühe Verpackungen werden wieder verworfen. Besonders wichtig wird irgendwann das Sichtfenster im Deckel. Die Kunden sollen schließlich nicht nur eine schöne Verpackung kaufen. Sie sollen auch sehen können, was darin steckt: Cashews, Schokolade, Cranberrys, Marshmallows – und einen Becher, der tatsächlich bis oben gefüllt ist.
Viele Details löst die Familie zunächst selbst. Für die ersten Deckel wird eine manuelle Stanzmaschine angeschafft. Sohn Max und ein Freund stanzen rund 2.500 Stück. Max und Felix, heute 15 und 12 Jahre alt, helfen ohnehin immer wieder. Sie probieren mit und fahren zu den Märkten. Bei einer Food-Messe stehen sie am eigenen Stand und verfolgen ziemlich genau, wie es mit Totally Nuts weitergeht.
Für ihre Eltern ist gerade das ein besonders schöner Teil der Geschichte. Ihre Kinder erleben, wie aus einer Idee etwas Reales wird. Sie sehen, wie man anfängt, ausprobiert, Fehler macht, Lösungen findet und den nächsten Schritt geht. „Einfach machen“, sagt Friederike immer wieder im Gespräch. Nicht alles könne von Beginn an perfekt sein.
Ihr Mann Kai bringt seine Erfahrung aus der Lebensmittel- und Konsumgüterbranche mit ein. Wenn es um Lieferketten, Einkauf, Zutatenlisten, Kennzeichnung oder andere Anforderungen rund um ein Lebensmittel geht, kann Friederike ihn fragen. Er unterstützt sie im Hintergrund. Sie treibt Totally Nuts nach vorne. So ergänzen sie sich. Friederike bringt Ideen, Begeisterung und Freude am Kontakt mit Menschen mit. Kai kennt die geschäftlichen Abläufe und weiß, worauf es in der Lebensmittelbranche ankommt.
Auch beim Einkauf der Zutaten hilft dieses Wissen. Nüsse, Trockenfrüchte und andere Bestandteile werden von großen Importeuren gehandelt. Dort denkt man in viel größeren Mengen, als sie bei dem gerade gegründeten Bremer Familienunternehmen gefragt sind. Manche reagieren auf die ersten Anfragen darum gar nicht. Aber andere hören sich die Geschichte an, schicken Muster und lassen sich auf das spannende Projekt ein.
Und so klingelt zu Hause immer wieder der Paketbote. Neue Cashews, Nüsse, Früchte und Zutaten kommen an. Wieder wird am Küchentisch probiert. Welche Cashew schmeckt am besten? Wie groß soll ein Stück kandierter Ingwer sein? Welche Kombination funktioniert? Nach und nach stehen schließlich die Mischungen fest, die heute in den Bechern stecken. Abgefüllt werden sie in einer Werkstatt in Bassum. Friederike und Kai waren dort anfangs selbst häufig dabei. Auch hier werden die Abläufe nach und nach professioneller. Was anfangs noch zu Hause angeliefert wurde, geht inzwischen direkt in die kleine Produktion.



Plötzlich im Supermarkt
Der vielleicht schönste Schritt folgt im Juni dieses Jahres. Totally Nuts steht zum ersten Mal im Laden. Den Anfang macht Made in Bremen. Friederike ist mit ihrer Familie dort, als eine Kundin einen Becher in die Hand nimmt – und gleich zwei kauft. Die Frau weiß nicht, dass nur wenige Meter entfernt die Familie steht, die hinter Totally Nuts steckt. „Da bist du einfach total stolz“, erinnert sich Friederike.
Kurz darauf folgt der nächste große Moment. Die ersten REWE-Märkte nehmen Totally Nuts ins Sortiment. Wer selbst einmal eine Idee für ein Lebensmittel hatte, ahnt, was es bedeutet, wenn das eigene Produkt plötzlich ganz selbstverständlich zwischen etablierten Marken im Regal steht. Die Familie fährt anfangs mehrmals hin und zählt nach, wie viele Becher noch da sind. Jeder verkaufte Becher wird zum kleinen Erfolg.
Inzwischen gibt es Totally Nuts in den Bremer REWE-Märkten im Mühlenviertel, in Kattenturm und im Roland-Center von REWE-Kaufmann Daniel Petrat. Auch der Markt von Niklas Gerlach am Bremer Hauptbahnhof führt die Mischungen. Dazu kommt Made in Bremen am Domshof. Wer dort nicht vorbeikommt, kann die Becher auch über den Online-Shop von Totally Nuts bestellen.
Die ersten Wochen im Handel machen Friederike und ihrer Familie Mut. Die Mischungen werden gekauft, das Feedback stimmt. Nun geht es darum, weitere Märkte zu gewinnen. Gleichzeitig müssen die Abläufe mitwachsen. Was bei wenigen Geschäften noch von Hand funktioniert, braucht bei größeren Mengen irgendwann andere Lösungen.
Wie groß Totally Nuts einmal wird, weiß heute niemand. Friederike scheint das auch gar nicht besonders zu beunruhigen. Natürlich darf man träumen. Von vielen Märkten in Norddeutschland vielleicht. Vielleicht irgendwann auch von mehr. Erst einmal zählt jedoch der nächste Schritt.
Vor gut einem Jahr standen am Küchentisch nur eine kleine Waage und jede Menge Nüsse. Heute stehen die ersten Becher in Bremer Supermarktregalen. Wie weit die Reise noch geht, wird sich zeigen. Die Familie möchte vor allem eines behalten: die Freude am Ausprobieren und ein bisschen von der Verrücktheit, mit der alles angefangen hat.
www.totally-nuts.de



