
BREMISSIMA
Die Talentförderin
Tasha Milkova stand als Sängerin schon auf internationalen Bühnen. Heute hilft die ukrainische Künstlerin jungen Talenten in Bremen dabei, ihren eigenen Weg ins Rampenlicht zu finden.
Text: Andreas Schack
Fotos: Tasha Milkova
Im Talentstudio & Co in der Weser Art Gallery im Weserpark ist es an diesem Nachmittag ruhig. Die Kurse pausieren. Nur kurz schaut eine Tanzlehrerin herein, um eine Lautsprecherbox für den nächsten Workshop zu bringen. Eine Bühne, Spiegel und eine große Tanzfläche lassen erahnen, was hier normalerweise los ist. Hier unterstützt Tasha Milkova junge Menschen dabei, ihre Talente in Gesang, Tanz und Schauspiel zu entfalten. Dass sie dabei so viel Erfahrung weitergeben kann, kommt nicht von ungefähr. Denn bevor sie begann, Talente zu fördern, stand die ukrainische Sängerin viele Jahre lang selbst auf großen Bühnen. „Ich habe mein ganzes Leben auf der Bühne gearbeitet“, erzählt sie.
An der renommierten Musikakademie Glier in Kiew studierte sie Gesang, später Theaterregie. Schon während des Studiums trat sie bei Castings und Fernsehsendungen in der Ukraine auf. Später stand sie als Musicaldarstellerin in Rollen wie Esmeralda oder Norma Jean auf der Bühne. Ihre Karriere entwickelte sich schnell. Sie arbeitete mit bekannten Produzenten, veröffentlichte eigene Musik und gewann 2012 mit der Neuinterpretation eines traditionellen ukrainischen Liedes den Publikumspreis einer landesweiten Fernsehshow. „Mein Lied war von allen Sendungen eines Jahres das beliebteste bei den Zuschauern.“
Während sie weitererzählt, reiht sich ein Ort an den nächsten. Kiew, Moskau, Minsk, Bremen. Mal ging es zu einem Interview, mal zu einer Produktion, mal zu einem Auftritt. „Meine Designerin war in Kiew, das Interview war in Weißrussland und das Management in Moskau. So war mein Leben.“ Ein besonderer Höhepunkt folgte 2017. Als musikalischer Gast wurde sie zum belarussischen Vorentscheid des Eurovision Song Contests eingeladen. „Ich war wie eine Kosmopolitin“, lacht sie.


Deutschland spielte damals bereits eine Rolle in ihrem Leben. Ihr Mann lebte hier, die gemeinsame Tochter Anna sollte bald eingeschult werden. Trotzdem pendelte Tasha Milkova weiter zwischen den Ländern. „Ich dachte damals nicht, dass ich einmal dauerhaft in Deutschland leben würde. Mein Flug zwischen Bremen und Kiew kostete oft nur 30 Euro. Ich bin fast jedes Wochenende geflogen.“
Doch dieses Leben zwischen Flughäfen und Bühnen sollte nicht so bleiben. Der Krieg im Osten der Ukraine machte die Arbeit schon 2014 schwieriger. Die Stimmung änderte sich. „Menschen hatten andere Probleme als Musik.“ Der eigentliche Bruch kam jedoch mit Corona. Auftritte wurden abgesagt, Reisen unmöglich, Verträge aufgelöst. Gleichzeitig zerbrach ihre Ehe. „Ich war plötzlich ganz allein in Deutschland mit meiner achtjährigen Tochter.“ Damals sprach sie noch deutlich weniger Deutsch als heute. Behördengänge, Telefonate und E-Mails musste sie allein bewältigen, während ihre bisherige Arbeit praktisch komplett wegbrach. Doch ganz ungeplant begann in dieser Zeit etwas Neues.
Für ein Musikprojekt nahm sie gemeinsam mit Kindern ein Lied auf. Die positive Resonanz überraschte sie. „Danach haben mich viele Eltern gefragt: ‚Können Sie Gesangsunterricht machen?‘“ Zuerst zögerte sie. Doch dann probierte sie es aus. „Das war richtig toll“, spürte sie schnell. Aus Unterrichtsstunden wurden Projekte, aus Projekten Auftritte. „Kinder haben immer diese Motivation. Sie möchten auftreten.“ Für Tasha Milkova gehört dazu, möglichst früh vor Publikum zu stehen. Deshalb präsentieren ihre Schülerinnen und Schüler ihre Talente heute regelmäßig auf Stadtfesten, bei Konzerten, Modenschauen, Musicals und Wettbewerben. Wer durch die Social-Media-Kanäle des Studios scrollt, entdeckt Auftritte, Fotoshootings, Workshops und Proben. Kaum eine Woche vergeht ohne ein neues Projekt.

Eine ihrer Sängerinnen gewann bereits den Bremer Wettbewerb Goldkehlchen, andere holten Auszeichnungen bei Wettbewerben in Niedersachsen. Wichtiger als Pokale sind für Tasha Milkova jedoch die Erfahrungen, die ihre Schülerinnen und Schüler dabei sammeln. Immer wieder erlebt sie, wie Kinder und Jugendliche über sich hinauswachsen und plötzlich selbstbewusst auf einer Bühne stehen. Viele der Dinge, die sie ihnen vermittelt, hat sie selbst erlebt. „Das ist für mich heute ein sehr großes Glück“, sagt Milkova.
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine kamen weitere Künstlerinnen und Künstler nach Deutschland. Tänzerinnen, Musikerinnen und Theaterpädagoginnen fanden den Weg zu ihr. „Dann habe ich gedacht: Wenn ich Gesang mache und sie Tanz macht, wird das doch noch besser.“ Aus der Gesangslehrerin wurde nach und nach eine Organisatorin, Produzentin und Talentförderin. Heute arbeiten mit ihr mehrere Gesangs- und Tanzpädagoginnen im Studio. Gemeinsam organisieren sie Konzerte, Workshops, Musicals und kulturelle Veranstaltungen.
Doch je größer das Projekt wurde, desto deutlicher fehlte ein fester Ort. Jahrelang pendelte Tasha Milkova zwischen verschiedenen angemieteten Räumen. Mal fand der Gesangsunterricht an einem Ort statt, der Tanzunterricht an einem anderen. Eigene Veranstaltungen ließen sich nur mit viel Aufwand organisieren. „Wir waren immer Gäste.“ Drei Jahre lang suchte sie nach einer dauerhaften Lösung. Immer wieder scheiterten die Pläne an Kosten, Auflagen oder fehlenden Möglichkeiten. Die entscheidende Wendung kam, als sie Helmuth Gaber von der Weser Art Gallery kennenlernte.

Im März 2025 organisierte ihr Team dort die Miss-Talent-Show. Rund 300 Gäste kamen zu der Veranstaltung, bei der 13 Frauen ihre Talente präsentierten. Am Ende erhielten alle Teilnehmerinnen den ersten Platz. „Wir sind alle hübsch. Wir sind alle talentiert und wir haben alle den ersten Platz verdient.“ Verliererinnen gab es an diesem Abend nicht. Die Veranstaltung wurde ein Erfolg. Wenige Monate später bot Gaber ihr einen bislang ungenutzten Raum in der Galerie an. Nach Wochen des Umbaus entstand dort die neue Heimat des Talentstudios. „Ohne ihn wäre das alles wahrscheinlich nicht passiert“, sagt Milkova. Gemeinsam mit ihrer Tochter Anna, ihrer Mutter, Freunden und Schülerinnen verwandelte sie die Räume in das heutige Studio.
Besonders ihre Tochter begleitet sie bis heute auf diesem Weg. „Vielleicht war das auch ein Grund“, sagt Milkova. „Ich wollte meiner Tochter die besten Kurse geben.“ Heute ist Anna 14 Jahre alt. Und während Tasha Milkova erzählt, wird deutlich, was sie den jungen Menschen in ihrem Studio mitgeben möchte. „Du bist immer gut genug.“ Sie macht eine kurze Pause. „Wenn du etwas machen möchtest, dann mach es jetzt.“
Zum Abschied frage ich sie, ob sie sich manchmal nach der Zeit auf den großen Bühnen zurücksehnt. „Die Bühne wird immer ein Teil von mir bleiben“, sagt sie. Dann lächelt sie.
Talentstudio & Co, Weser Art Gallery im Weserpark, Hans-Bredow-Straße 19. Das Angebot richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Eine kostenlose Probestunde ist möglich. Auch Ermäßigungen über den Bremen-Pass sowie weitere Fördermöglichkeiten werden angeboten.
Instagram: tashamilkova



