
BREMISSIMA
Radio Bremen-Intendantin Yvette Gerner:
„Ein langweiliger Job war noch nie mein Ding.“
Text: Radio Bremen
Fotos: Radio Bremen | Andreas Weiss & Matthias Hornung
Yvette Gerner hat Kondition. Die Intendantin von Radio Bremen fährt jeden Morgen mit dem Fahrrad zum Funkhaus an der Weser. Einen Dienstwagen hat die 59-Jährige nicht, die kurzen Wege und vielen Fahrradrouten haben sie in ihrer Wahlheimat Bremen zur Radlerin gemacht.
In Bremen anzukommen, war für die gebürtige Pfälzerin anfangs gar nicht so leicht. „In der Pfalz ist man in einer Waldhütte schnell mal per Du“, erzählt Gerner. Ob das in Norddeutschland auch so unkompliziert funktionieren würde? Eine Frage, die ihr die Menschen der Stadt schnell beantworteten: „Die Bremerinnen und Bremer sind viel offener als ihr Ruf!“, berichtet Gerner. Sie hat inzwischen viele Freunde gefunden – in Frauennetzwerken, im Kulturbereich, dem Sportverein und verschiedenen Clubs.
Yvette Gerner ist viel unterwegs: Bevor ihr Arbeitstag beginnt, war sie meist schon mit ihrer Labradoodle-Hündin Nala im Rhododendronpark spazieren – und wenn es die Zeit erlaubt, geht es abends auf den Tennisplatz. Diese Vielseitigkeit passt auch zu ihrem Job. Seit dem 1. August 2019 leitet sie Radio Bremen und hat in den sieben Jahren seit ihrem Amtsantritt bei Bremens Landesrundfunkanstalt einiges verändert.
Teil des Radio Bremen-Spirits
Nach ihren persönlichen Erfolgen gefragt, winkt Gerner fast ein bisschen ab: „Ich bin stolz darauf, Teil des Radio Bremen-Teams zu sein.“ Sie lobt die Arbeitskultur im Sender, den „Radio Bremen-Spirit“. Für sie bedeutet der: Alle packen mit an, um mit den verfügbaren Mitteln das bestmögliche Programm zu machen.
Gerner ist keine, die sich selbst in den Vordergrund stellt. Statt Direktiven vorzugeben, hat sie bei Radio Bremen Team-Entscheidungen etabliert. Wird die Reporterfläche umgebaut, erarbeitet eine Gruppe von Mitarbeitenden die nötigen Veränderungen – von Raumaufteilung über Computer-Ausstattung bis zum Design-Konzept. Soll Radio Bremen eine neue Strategie erhalten, können sich alle interessierten Beschäftigten einbringen und gemeinsam an den Inhalten arbeiten. Das sei nicht immer einfach, gibt Gerner zu. Doch am Ende zahle es sich aus: „Wir müssen uns verändern, das geht nur wenn alle ihre Expertise einbringen und gerne bei uns arbeiten. Ich glaube, das sieht man dann auch im Programm. Und am Schluss geht es immer darum, dass wir ein gutes Programm machen, dass wir da sind bei den Themen, die relevant sind und dass wir reagieren auf die Fragen, die die Menschen da draußen haben in Zeiten von Dauerkrisen.“

„Nicht nur senden, auch empfangen“
Gerner ist selbst Journalistin. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Germanistik und Slawistik absolvierte sie ihr Volontariat beim ZDF und blieb dort mehr als 20 Jahre. Ihr journalistischer Schwerpunkt lag dort vor allem auf außenpolitischen Themen. Inzwischen sind Bremen, Bremerhaven und umzu zu ihrem Fachgebiet geworden. Gerner kennt sich aus mit den Themen, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Land umtreiben. Privat sagt sie über Bremen: „Ich schätze die aktive Stadtgesellschaft und das tolle Kulturangebot.“ An den Tagen, in denen sie im Studio in Bremerhaven arbeitet, liebt sie besonders den Blick aufs Wasser, den das Studio an der Wesermündung bietet. „Das ist bei jedem Wetter schön.“
Beruflich ist der direkte Austausch und Dialog mit den Menschen im Land eines der wichtigsten Themen für sie: „Gerade in diesen Zeiten, wo sich die Gesellschaft spaltet, müssen wir nicht nur senden, sondern auch empfangen“, sagt Gerner. Teil dieser Aufgabe sei es, die Menschen zusammenzubringen im Programm, aber auch außerhalb Begegnungsräume zu schaffen, als eine Art „öffentlich-rechtliches Wohnzimmer“ die Menschen ins Funkhaus und zu Veranstaltungen einzuladen.
Dass auch für solch gute Ideen nur begrenzte Mittel zur Verfügung stehen, weiß Gerner sehr genau, denn Radio Bremen muss seit Jahrzehnten sparen. Yvette Gerner schockt das allerdings nicht. „Ein langweiliger Job war noch nie mein Ding“, sagt sie und lacht.
„Mein Job ist total sinnhaft.“
Schwierige Entscheidungen gehören für Gerner dazu. Für ihre Aufgabe brennt sie trotzdem: „Ich bin davon überzeugt, dass wir alle Verantwortung für diese Gesellschaft und für die Demokratie übernehmen müssen. Und insofern ist mein Job total sinnhaft“, so die promovierte Politikwissenschaftlerin.
Wenn sie sich das Programm von Bremen Eins, Bremen Zwei, Bremen Vier, Bremen NEXT und buten un binnen anschaue, habe sie ein gutes Gefühl. Yvette Gerner: „Wir sind bei der Werft in Bremerhaven, im Sportverein in Tenever. Wir sind da, wo das echte Leben spielt und wo es spannend ist. Wir sorgen mit unseren Beiträgen dafür, dass die Menschen gehört werden, machen Probleme im Stadtteil sichtbar, zeigen aber auch die besten Ideen zur Lösung. Das finde ich motivierend.“


Gerne mittendrin
Zum Zeitpunkt des Interviews Anfang August ist Gerner noch frisch aus dem Urlaub zurück, den sie mit Mann, Sohn und Hund in Frankreich verbracht hat. In der ruhigeren Urlaubszeit sammelt sie Energie für die großen Aufgaben, die in den kommenden Monaten vor Bremen, Radio Bremen und auch ihr persönlich liegen.
Für Land, Stadt und Sender bedeutet der „Tag der Deutschen Einheit“ intensive Vorbereitungen. „Bei Radio Bremen sind eigentlich alle irgendwie damit beschäftigt“, erzählt Gerner. Es gebe Live-Berichterstattung im Fernsehen, auch bundesweit im Ersten für die ARD, Radio Bremen gestalte das Programm auf den Bühnen mit, stelle die eigene Arbeit in der „Medienwelt“ am Martini-Anleger vor – und dann sei auch noch körperlicher Einsatz gefragt. „Wir planen ein ganz besonderes Event“, verspricht die Intendantin. Unter dem Motto „Wir. Zusammen. Deutschland tanzt“ treffen sich am 3. Oktober alle auf dem Domshof, um gemeinsam eine Choreografie zu tanzen. Ob sie selbst mittanzen wird? Gerner überlegt: „Ich bin eigentlich immer gerne mittenmang“, sagt sie. In ihrem Kalender zumindest stehe der Termin schon mal.
Ein Jahr lang an der Spitze der ARD
Viele Lücken hat besagter Terminkalender sonst übrigens nicht. Vor allem im kommenden Jahr dürfte er sogar noch voller werden. Denn ab dem 1. Januar 2027 übernimmt Yvette Gerner den ARD-Vorsitz. Ein Jahr lang steht sie dann Europas größtem öffentlich-rechtlichen Senderverbund vor.
Gerner sieht diese Aufgabe sportlich: „Ich stelle mir das vor wie bei einem guten Radsportteam: Da bringt jeder Stärken mit, jeder fährt mal im Windschatten und jeder übernimmt mal die Führungsarbeit.“ Leicht wird dieses Jahr sicherlich nicht. Schließlich steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk politisch und gesellschaftlich unter Druck. Ihrem Naturell entsprechend sieht Gerner trotzdem auch Chancen: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gehört zum demokratischen Betriebssystem des Landes. Wir gehören keinem Milliardär und keinem Konzern, sondern der Allgemeinheit – also auch den Menschen hier in Bremen, Bremerhaven und umzu. Wir trennen Fakten von Meinungen, wir decken Desinformationen auf. Das ist eine große Chance, die uns dabei helfen kann, die Herausforderungen der heutigen Zeit zu bewältigen.“
Kleine Auszeit an Fasching
Einmal im Jahr wird aus der Wahl-Bremerin übrigens zumindest vorübergehend wieder eine reine Pfälzerin – und die Intendantin macht Urlaub in der alten Heimat: Zum Weiberfasching in Mainz fährt Gerner jedes Jahr. Termine in Bremen nimmt sie an diesem Wochenende aus Prinzip nicht an. Ihr Team kommuniziere das in Bremen mit der gebotenen Diskretion, sagt Gerner und schmunzelt.
Bis dahin allerdings ist noch etwas Zeit – Yvette Gerner wird sie sicherlich nutzen. Jetzt schwingt sie sich erst einmal aufs Rad und ist schon wieder unterwegs, dieses Mal entlang der Weser mit Blick aufs Wasser: „Das ist ein echtes Bremen-Gefühl.“

Mehr Infos zu Radio Bremen
Radio Bremen ist die Landesrundfunkanstalt des Landes Bremen und die „neuntgrößte“ der ARD, also die kleinste im Verbund mit solch großen Medienhäusern wie dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) oder dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). Für Bremen, Bremerhaven und umzu liefert Radio Bremen vier Hörfunkprogramme, das tägliche TV-Magazin „buten un binnen“ sowie Informationen rund um die Uhr auf butenunbinnen.de oder in der buten un binnen-App. Von Radio Bremen kommen auch Produktionen wie die älteste laufende TV-Talkshow im deutschen Fernsehen „3nach9“, der Tiktok-Kanal „WhattheFactBremen“, die Sport-Satire „WUMMS“ für funk oder das Tiktok-Vertikal „Between the Beats“.
www.radiobremen.de



