
FINDORFF Magazin
Zuhören, stärken, entlasten
Wie Mütterpflege Familien in der körperlich und emotional fordernden Zeit rund um die Geburt unterstützt und begleitet
Im Porträt: Fiona Henkelmann
Text: Doreen von Oesen
Fotos: Linda Heyat
Als ich Fiona Henkelmann an einem Vormittag in einem Café treffe, fällt sofort auf, wie offen und zugewandt sie ist. Sie hört genau hin, nimmt Pausen ernst und wirkt ausgesprochen präsent. Eine dieser Personen, bei denen man sofort versteht, warum andere sich schnell sicher und gut aufgehoben fühlen. Dabei kommt Fiona ursprünglich aus einer ganz anderen beruflichen Welt. Viele Jahre war sie im klassischen Business unterwegs – heute tauscht sie Blazer und Pumps gegen bewegungsfreundliche Kleidung, die spontane Spaziergänge, Hausbesuche oder das Tragen eines Neugeborenen ermöglicht. Während sie von ihrem Weg zur Mütterpflege erzählt, wird rasch klar, wie sehr sie hinter dem steht, was sie tut: Sie hat eine klare berufliche Überzeugung und ein tiefes Verständnis dafür, was Familien in dieser besonderen Lebensphase brauchen.
Von der Personalentwicklung zu mom.ment
Nach über zehn Jahren in verschiedenen Positionen in der Personalberatung wagte Fiona im Juni 2025 den Schritt in die Selbstständigkeit. Seitdem schenkt die 39-Jährige als Mütterpflegerin frischgebackenen Müttern in Bremen einen „mom-ment“ – individuell, verlässlich und entlastend. Dabei achtet sie stets darauf, dass die Frauen sowohl körperlich als auch emotional unterstützt werden.
Auslöser für den Berufswechsel war ein Erlebnis im Freundeskreis: Ein Paar befand sich mitten im Adoptionsprozess und erhielt unerwartet die Nachricht, dass ein Kind – deutlich früher als gedacht – bei ihnen einziehen würde. Fiona erlebte hautnah, wie herausfordernd diese Situation trotz großer Freude sein kann, und unterstützte ihre Freunde umfassend: Sie organisierte Kleidung, sammelte Babysachen im Freundeskreis und half, den neuen Familienalltag zu strukturieren. Die Dankbarkeit war überwältigend. „Nie wieder ohne dich“, lautete das Feedback. Und Fiona merkte: Unterstützen, organisieren, stärken – all das fühlte sich für sie nicht nach Arbeit an, sondern nach Sinn.
„Ich hatte das Gefühl, wirklich helfen zu können“, erinnert sie sich. Alles ordnen, Strukturen schaffen, Versorgung sichern – und gleichzeitig Halt geben. Für Fiona wurde in diesen Wochen etwas greifbar, das sie lange gespürt, aber nie ausgesprochen hatte: Das ist ihre Aufgabe. „Es verkörpert genau das, was mich selbst ausmacht.“
Nach der intensiven Erfahrung mit der Adoptionsbegleitung suchte sie nach einer fundierten Qualifikation – und fand sie in der Ausbildung zur Baby- und Mütterpflegerin. „Ich wusste sofort, dass dies mein Weg sein wird“, erzählt sie heute. Seit über einem halben Jahr arbeitet sie nun selbstständig, begleitet Bremer Familien und hat bereits vielfältige Praxiserfahrungen gesammelt. Ihr Anspruch: Die Bedürfnisse der Mutter stehen immer im Zentrum. „Es geht nicht darum, irgendetwas überzustülpen. Ich komme hinein, schaue, was wirklich entlastet – und baue darauf auf.“

Was Mütterpflege bedeutet
Unter dem Namen mom-ment unterstützt Fiona Frauen in der Zeit rund um die Geburt mit einem vielseitigen Angebot: Sie kocht, entlastet im Haushalt, begleitet zu Terminen, kümmert sich um das Baby, führt Gespräche, erinnert an Selbstfürsorge und schafft Momente der Erholung.
Mütterpflege ist ein Beruf zwischen den Systemen: keine medizinische Tätigkeit wie die der Hebammen, aber weit mehr als eine Haushaltshilfe. „Wir sind da, um Mütter ganzheitlich zu unterstützen – körperlich, emotional und organisatorisch“, erklärt Fiona. „Wir sind Begleitung, Entlastung und auch ein ruhender Pol.“
Viele Menschen wissen laut Fiona noch nicht, dass es diese Form der Unterstützung überhaupt gibt. In Bremen sind derzeit nur drei Mütterpflegerinnen tätig. Dabei schließt Mütterpflege eine wichtige Lücke zwischen Hebamme, Haushaltshilfe und psychologischer Begleitung – ohne medizinische Aufgaben, aber mit großer Wirkung.
Die Veränderungen, die sie miterlebt, berühren sie immer wieder: Aus erschöpften, überforderten Frauen werden Mütter, die wieder lächeln, schlafen, essen, durchatmen. „Es geht auch darum, dass Mütter sich gesehen fühlen. Viele denken, sie müssen alles allein schaffen – aber man darf sich trauen, Hilfe anzunehmen.“
Warum Wochenbettpflege so dringend gebraucht wird
Nicht immer steht die Kernfamilie selbstverständlich zur Seite. Oft arbeiten Partner früh wieder, Großeltern wohnen weit entfernt oder sind selbst nicht belastbar. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Mütter sind hoch: funktionieren, organisieren, stark sein.
„Aber gleichzeitig fehlt ihnen dafür oft die Unterstützung“, fasst Fiona zusammen. Die Folgen fehlender Entlastung: Frauen gelangen schneller an ihre Belastungsgrenzen. „Das Wochenbett ist eine sehr sensible Zeit. Viele Mütter sind im Ausnahmezustand – körperlich, emotional, hormonell“, so Fiona, die ihr Angebot aktuell um die Stillberatung erweitert. Viel Stress und sogar manche Wochenbettdepression ließen sich ihrer Ansicht nach vermeiden. Durch Entlastung wird die Bindung zum Baby gestärkt, durch Struktur und Ruhe Überforderung verringert. Für Fiona ist klar: „Mütterpflege ist auch Präventionsarbeit – sie wirkt bis in die Kindesentwicklung hinein.“
Zwischen Krankenkasse und Privatbuchung
Mit ärztlichem Attest übernehmen Krankenkassen häufig die Kosten für eine Mütterpflegerin. Die Voraussetzungen reichen von körperlichen Einschränkungen über psychische Belastungen bis hin zu Mehrlingsgeburten oder Alleinerziehenden-Situationen. „Die meisten Anträge werden bewilligt“, sagt Fiona. Die Höhe der Kostenübernahme variiert je nach Krankenkasse; manchmal bleibt ein kleiner Eigenanteil.
Darüber hinaus kann die Betreuung privat gebucht werden – als Geschenk, zur Überbrückung oder ergänzend zur Kassenleistung. Ein großer Vorteil: Die Mütterpflegerinnen in Bremen sind gut vernetzt. „Wir unterstützen uns gegenseitig und vermitteln weiter, wenn eine von uns ausgebucht ist. Auch ich bin nicht allein – das tut gut.“

Individuelle Begleitung
Bevor die Begleitung beginnt, führt Fiona ein ausführliches Kennenlerngespräch. Dabei geht es vor allem um ein Gefühl von Sicherheit – auf beiden Seiten. „Mütter lassen mich in einer sehr verletzlichen Phase in ihr Zuhause. Vertrauen ist die Grundlage“, betont sie. Sie fragt zu Beginn gezielt nach Stressoren: Was würde dir im Alltag wirklich helfen? Wo liegen deine größten Belastungen? So kann die Betreuung von Familie zu Familie sehr unterschiedlich aussehen.
Neben ihrer Arbeit vernetzt sich Fiona zunehmend mit Fachkräften rund um Schwangerschaft, Geburt und frühe Elternschaft und ist regelmäßig bei lokalen Informationsveranstaltungen vor Ort. Für sie sind diese Formate wertvoll, weil sie Eltern einen niedrigschwelligen Zugang zu Unterstützung bieten – und zeigen, wie vielfältig und wichtig Begleitung im ersten Lebensjahr ist.
Haltung und Selbstfürsorge
Fionas Arbeitstage beginnen meist am Vormittag – je nach Bewilligung und Bedarf der Familie. Herausfordernd sei vor allem, sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren. „Ich gebe viel und gern – aber ich lerne, meine Weiterbildung, Pausen und meine eigenen Bedürfnisse im Blick zu behalten“, erzählt sie. Ihr Ausgleich: ein gemütlicher Tee mit Freundinnen, kleine Auszeiten – und ein Partner, der sie mit seiner unternehmerischen Erfahrung unterstützt und Care-Arbeit mitträgt. „Nur wer umsorgt ist, kann selbst umsorgen – das gilt für die Mütter und ihre Babys, aber auch für mich.“
Für die Zukunft möchte Fiona mit mom-ment vor allem eines erreichen: Aufklärung leisten, Familien stärken und die Bedeutung des Wochenbetts wieder stärker ins Bewusstsein rücken. „Ich wünsche mir, dass Mütterpflege als zentraler Bestandteil der Wochenbettbegleitung wahrgenommen wird – nicht als Luxus.“ Ihre Arbeit beschreibt sie nicht als Job, sondern als Begleitung mit der Haltung: Fürsorge, Wärme und ein offener Blick für das, was wirklich gebraucht wird.
www.mom-ment.de



