
BReMISSIMA
Offene Räume
Ob tatkräftige Hand oder offenes Ohr, Wäschewaschen oder Windeln wechseln – Charlotte Kok-von Appen ist eine der ersten Mütterpflegerinnen in Bremen.
Text: Franziska Tholema
Fotos: Linda Heyat
Du begleitest Frauen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Für das Baby ist in dieser Zeit meistens gut gesorgt – für die Mutter häufig nicht. Trifft das deine Erfahrung?
Ja. Das Baby steht sofort im Mittelpunkt, und das ist auch richtig so. Gleichzeitig geraten die Mütter dabei manchmal aus dem Blick. Es fehlt jemand, der fragt: Wie geht es dir gerade? Was brauchst du? Viele Frauen fühlen sich in dieser Zeit daher häufig allein – emotional und auch ganz praktisch.
Woran liegt das?
Es ist diese Gleichzeitigkeit. Da ist dieses kleine Wesen, für das man plötzlich die volle Verantwortung trägt. Da sind körperliche Veränderungen, Erschöpfung, fehlende Selbstbestimmung, Gefühle, die sich manchmal kaum sortieren lassen. Und während all das passiert, läuft die Welt da draußen einfach weiter. Die Zeit fühlt sich anders an – enger, dichter, in jeder Hinsicht überwältigend.
Eine überwältigende und sehr sensible Zeit. Du sprichst auch aus eigener Erfahrung, oder?
Ja. Meine erste Geburt war für mich eine eher schmerzhafte Erfahrung. Ich habe mich fremdbestimmt gefühlt, nicht wirklich ernst genommen und mitgenommen. Was mich aber bis heute beschäftigt, ist nicht nur das Geschehen an sich, sondern das Gefühl, keinen Raum gehabt zu haben.
Heute gibst du Müttern bewusst eben diesen Raum. Wie bist du auf den Beruf der Mütterpflegerin aufmerksam geworden?
Ich habe mich meinen eigenen Erfahrungen gestellt, habe viel gelesen, nachgefragt, recherchiert. Ich wollte verstehen, was ich gebraucht hätte – und was auch andere Frauen in dieser emotionalen Zeit vermissen. In einem Podcast ging es dann genau um dieses Thema – um das, was fehlt, wenn alle Blicke beim Kind sind. Und dann fiel dieser eine Satz: „Wir brauchen mehr Mütterpflegerinnen!“ Er ist hängengeblieben, und ich habe sofort gewusst: „Das kann ich – und das will ich!“
Seit Ende 2024 bist du nun mit Zertifikat in Bremen unterwegs – und warst damit die erste Mütterpflegerin in unserer Stadt – stimmt das?
Ja, das stimmt tatsächlich. Aber mittlerweile gibt es schon zwei weitere Mütterpflegerinnen hier in Bremen – und weitere sind schon in der Ausbildung.

Empfindet ihr Konkurrenz untereinander?
Nein, überhaupt nicht! Wir Mütterpflegerinnen aus der gesamten Region sind in sehr engem Austausch und unterstützen uns. Ich freue mich, dass der Beruf der Mütterpflegerin bekannter wird. Für die Frauen, die ihn ausüben – und für die Frauen, die ihn brauchen. Ich wünsche mir, dass es selbstverständlich wird, vor der Geburt nicht nur Babybettchen und Wickelkommode vorzubereiten, sondern auch Unterstützung für die Mutter mitzudenken.
Und wie sieht die in deinem Berufsalltag ganz konkret aus?
Das ist sehr unterschiedlich und genauso individuell, wie die Frauen, zu denen ich komme. Manche Frauen begleite ich schon während der Schwangerschaft, andere nach der Geburt im Wochenbett. Es gibt Frauen, die ich täglich besuche, und welche, zu denen ich nur einmal in der Woche gehe – manchmal drei Stunden, manchmal fünf. Die meisten Frauen nehmen mit mir schon sehr früh Kontakt auf, andere erst ganz spät, und manchmal bin ich auch ein Geschenk von Angehörigen, die der werdenden Mutter eine besondere Freude machen wollen.
Unterschiedlich sind dann auch deine Aufgaben vor Ort, oder?
Absolut! Grundsätzlich mache ich eigentlich alles, was die Frau entlastet, damit sie sich wirklich ausruhen kann. Ich habe immer ein offenes Ohr, helfe bei der Pflege des Babys und trage und beruhige es, während die Mutter schläft, duscht oder einfach Zeit für sich hat. Aber ich bin mir auch nicht zu schade, mit anzupacken: Ich wasche – wenn gewollt – die Wäsche, gehe einkaufen, koche Essen oder räume auf und bringe den Müll raus – ganz egal, was dieser Frau in dieser Situation gerade wichtig ist. Ich biete übrigens auch leichte Entspannungsmassagen an, um das Wohlbefinden zu steigern. Am Ende geht es allein um die Frage: „Was hilft dir?“ Es geht nicht darum, was ich selbst oder irgendjemand anderes für sinnvoll hält.


Und wie findest du das heraus?
Das hat natürlich etwas mit Vertrauen zu tun. Bevor ich komme, gebe ich immer einen Wünschebogen heraus. Da kann die Frau ganz offen sagen, was sie braucht, was sie sich wünscht, was sie sich von mir erhofft. Ehrlich gesagt ist das häufig schon der erste Schritt: sich selbst diese Fragen zu erlauben. Und manchmal geht es dann einfach darum, da zu sein. Zuzuhören. Nicht zu bewerten, nicht zu urteilen, nicht besser zu wissen.
Warum stehen Frauen in dieser Situation unter so großem Druck?
Weil jede und jeder eine Meinung hat. Ständig hört man, was falsch läuft oder was man anders machen müsste. Das verunsichert enorm. Und wenn man ohnehin müde ist, unsicher, vielleicht auch körperlich angeschlagen, trifft das doppelt. Viele junge Mütter ziehen sich dann zurück und denken irgendwann: „Ich schaffe das sowieso nicht.“
Das kann auch ernste Folgen haben.
Ja. Über das Wochenbett wird oft romantisch gesprochen – aber das ist es nicht immer. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Frauen in Deutschland entwickeln nach der Geburt eine Wochenbettdepression. Das ist keine Seltenheit. Gerade deshalb ist frühe Unterstützung so wichtig. Wir Mütterpflegerinnen gehören zu den sogenannten frühen Hilfen. Wir sind nah dran, erleben den Alltag mit und merken oft schnell, wenn etwas kippt. Dann können wir entlasten – und wenn nötig auch weitere Hilfe vermitteln. Eigentlich, im besten Fall, ist Mütterpflege Präventionsarbeit – es wird vorgebeugt und alles versucht, damit größere Krisen gar nicht erst entstehen.
Was liebst du an deiner Arbeit?
Ich liebe diese Arbeit mit den Frauen! Und so unterschiedlich wir alle auch sind – in diesem Moment sind wir doch gleich. Egal, ob alleinerziehende Mutter oder Mehrfachmama, aus Oberneuland oder der Neustadt – wenn das Kind da ist, kommen dieselben Fragen, dieselben Unsicherheiten. Oft fällt es uns dann schwer, klar zu sagen, was wir brauchen. Umso wichtiger, dass jemand da ist. Jemand, der fragt. Und bleibt.
www.mutternah.de
www.familycare-bremen.de



