
BREMISSIMA
Zwischen Beckenrand & Bullerbü
Marie-Claire Haag Trainerin des Jahres
Text: Andreas Schack
Fotos: Andreas Schack, Team Haag
Marie-Claire Haag ist Trainerin des Jahres, Mutter von vier Kindern und prägend für den Triathlonsport in Bremen. Zwischen Hallenbad, Trainingsplan und Familienalltag hält sie alles zusammen und bleibt dabei erstaunlich entspannt.
Der Wecker klingelt bei Marie-Claire Haag früh. Um Viertel nach fünf, manchmal halb sechs. Dann beginnt ein Tag, der schon vor dem Frühstück Tempo hat. Brote schmieren, Kinder losschicken, Trainingssachen im Blick behalten, Termine sortieren. An manchen Tagen steht sie schon um 7 Uhr als Trainerin am Beckenrand. Später folgen Trainingspläne, Athletik, Organisation, Fahrten, Absprachen. Und irgendwo dazwischen bleibt noch Zeit für ihren eigenen Sport. „Ich überlege nicht, ob ich einen Tag Sport mache oder nicht. Für mich ist das ein bisschen wie Zähneputzen“, winkt sie ab. Alles nicht so wild.
Im März ist Marie-Claire Haag vom Landessportbund Bremen als Trainerin des Jahres ausgezeichnet worden. Wer hier mit Triathlon zu tun hat, kennt ihren Namen. Ihr sportliches Zuhause ist der Bremische Schwimmverein am Achterdieksee. Dort hat sie über viele Jahre aus einer kleinen Struktur ein großes Team geformt, das inzwischen bundesweit bei Wettbewerben für Aufsehen sorgt. Und die Athletinnen und Athleten aus Bremen sind ganz vorne mit dabei. Zu ihnen gehört auch ihr ältester Sohn Henry. Junge Sportlerinnen und Sportler aus anderen Bundesländern kommen mittlerweile ganz bewusst nach Bremen, um hier zu trainieren.
Vom Standort Bremen spricht die 48-Jährige darum mit Begeisterung. „Der Bundestrainer hat uns besucht und hört gar nicht auf, uns als einen der besten Standorte Deutschlands zu loben“, erzählt sie. Schule, Horner Bad, Internat, viel Freiwasser, kurze Wege, Trainingsmöglichkeiten im Umland – für sie greift hier vieles gut ineinander. Ein wichtiger Baustein dabei ist auch die sportbetonte Schule an der Ronzelenstraße. Dort begleitet Marie-Claire Haag seit vielen Jahren junge Triathletinnen und Triathleten. Dass Schule und Leistungssport in Bremen so eng verzahnt sind, ist für sie einer der großen Pluspunkte des Standorts.

Triathlon statt Meditation
Marie-Claire Haag selbst kam mit 18 Jahren eher zufällig zum Triathlon. Erst war das Schwimmen. Bei Mannschaftswettkämpfen sprang sie auf den längeren Strecken ein, wenn noch jemand fürs Wasser gebraucht wurde. „Dann konnte man die Haag ganz gut einsetzen“, erzählt sie und lacht. Irgendwann probierte sie auch Radfahren und Laufen aus, startete bei ihrem ersten Triathlon und gewann direkt. „Da dachte ich, das ist ja cool. Das mache ich weiter.“
Heute sind es für die 48-Jährige nicht mehr die Pokale und die Jagd nach neuen Bestzeiten, die sie motivieren. Sport und Bewegung sind für Marie-Claire Haag ihre ganz persönliche Art, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. „Andere gehen meditieren, um Dinge zu verarbeiten. Das war jedoch nichts für mich“, sagt sie. Lieber läuft sie eine Runde, fährt Rad oder geht schwimmen. „Danach habe ich den Kopf wieder frei.“ Beim großen Triathlon in Roth will sie in diesem Jahr trotzdem noch einmal mitmachen. Ihre Kinder haben sie dazu überredet. Und sie freut sich darauf.
Die Teamplayerin
Mindestens genauso wichtig ist ihr, diese Leidenschaft weiterzugeben. Mit einem ganzen Stab von Trainerinnen und Trainern für die verschiedenen Disziplinen coacht sie Athletinnen und Athleten zwischen 14 und 18 Jahren. Es geht um nationale und internationale Wettbewerbe, Zeiten und Perspektiven. „Die Triathleten, die es wirklich wollen, die kommen weit“, sagt sie. „Nicht wegen der Trainerin, nicht wegen des Umfelds, sondern weil sie es wirklich selber wollen“, beschreibt sie die Chancen und Herausforderungen im Profibereich. Gleichzeitig ist Triathlon für sie nicht automatisch nur Leistungssport. Beim Bremischen Schwimmverein ist dieser Sport auch offen für alle, die ihn freizeitmäßig betreiben möchten. „Nicht jeder muss auf Kaderniveau trainieren, internationale Rennen im Blick haben oder 25 Stunden in der Woche investieren“, ist ihr wichtig.
Und auch am Beckenrand oder auf dem Rad geht es ihr nicht nur um Zeiten. Sie achtet darauf, wie in der Gruppe gefahren wird, wie miteinander umgegangen wird, ob jemand grüßt, sich bedankt, Rücksicht nimmt. „Ich möchte, dass alle sich diese Werte für ihr Leben bewahren. Und einfach Bock auf den Sport haben“, sagt sie. Ehemalige Schützlinge melden sich noch Jahre später bei ihr, schicken Babyfotos, laden sie zu Hochzeiten ein. „Das intensive Training schweißt zusammen“, sagt sie.


Bullerbü in Horn-Lehe
In Horn-Lehe geht der volle Alltag weiter. Dort lebt Marie-Claire Haag mit ihrem Mann Torsten und den Kindern Henry, Bo, Frieda und Rosa. Alle vier machen Triathlon, alle trainieren, alle bringen ihre eigenen Bedürfnisse und Herausforderungen mit. Mutter und Trainerin zugleich zu sein, sorgt auch hier nicht nur für Harmonie. Sie versucht, den Druck deshalb bewusst klein zu halten. Zwar machen alle vier Triathlon, aber niemand muss es tun, nur weil es in dieser Familie dazugehört. Gerade die Jüngste bringt da ihre ganz eigene Freiheit hinein. Wenn sie keine Lust auf eine Einheit hat, sagt sie das. „Und es passiert dann auch nichts“, sagt Haag. „Es ist okay. Und es ist wichtig, dass das alle Kinder sehen.“
Der Alltag bleibt trotzdem eng getaktet. Morgens Schwimmhalle, Schule, Termine und Athletik, nachmittags wieder Organisation, Trainingsbetrieb, Kinder, Rückfragen, Material, Wäsche. Abends oft noch Kurse. „Die Kinder kommen nach der Schule nach Hause, haben alle Hunger“, erzählt sie. Kurz darauf müssen schon wieder Räder rausgeholt, Taschen gepackt und Flaschen gefüllt werden. Später, wieder daheim, werden die Klamotten irgendwo hingeworfen, und alles beginnt von vorne.
Hinzu kommt für Marie-Claire Haag, was von außen leicht übersehen wird: Meldungen für Wettkämpfe, Unterkünfte buchen, Fahrgemeinschaften organisieren, Ausschreibungen im Blick behalten, Elternfragen beantworten. Vieles davon läuft nebenher. Vieles davon läuft ehrenamtlich.
Ein Ausgleich und ein normales Familienleben sind ihr darum wichtig. „Wir haben uns zu Hause eine Oase geschaffen, wo sich jeder auch mal zurückziehen kann“, erzählt sie. „Wir haben zwei Hunde, eine Katze, Schildkröten, mehr als 20 Hühner und neuerdings wieder Kaninchen – ein bisschen wie in Bullerbü.“


Mallorca und Sponsoren
Als wir sie treffen, kommt sie gerade von Mallorca zurück. Nicht aus dem Urlaub, sondern aus dem Trainingslager. 16 Athleten, Finca statt Hotel, drei Einheiten am Tag, dazu Einkäufe, Wäsche, Organisation, Kochen, Betreuung. „Das war Training“, sagt sie. „Urlaub hatte ich danach über Ostern.“ Dann lacht sie kurz und schiebt nach: „Es war anstrengend. Also toll, aber auch echt anstrengend.“ Mallorca ist für Marie-Claire Haag jedoch nicht nur Trainingsort für das Team. In diesem Jahr organisiert sie dorthin wieder eine Frauenreise, bei der Sport, Athletik und Auszeit zusammenkommen. Bisher lief das unter „Moms in Shape“. Jetzt will sie das neu aufstellen. „Der Schwerpunkt hat sich verändert“, sagt sie. „Die Reise bleibt ein Angebot für Frauen, spricht aber längst nicht mehr nur Mütter an.“ Künftig soll das Angebot deshalb unter „Team Haag Coaching“ laufen, auch auf Instagram.
Zum Abschluss unseres Gesprächs hat die Trainerin noch eine Bitte: „Triathlon ist ein kostspieliger Sport. Bei Kindern im Wachstum summiert sich das schnell. Die Reisekosten, die Wettkampfkosten. Sponsoren wären eine große Erleichterung. Da haben wir auf jeden Fall Bedarf“, lädt sie Interessierte ein, sich bei ihr zu melden. Auch eine weitere Schwimmtrainerin sucht das Team. „Wer vormittags Zeit fürs Training hat, ist herzlich willkommen.“
Und so läuft bei Marie-Claire Haag vieles zusammen: Familie, Training, Organisation, Verantwortung. Vieles gleichzeitig, manches durcheinander. Aber es läuft. Wenn es mal stressig wird, bleibt sie lieber in Bewegung. „Ich bin nicht der Typ, der sich zum Kaffee trinken verabredet“, sagt sie. Lieber trifft sie sich zum Laufen oder Radfahren. Sport gehört für sie nicht an den Rand des Alltags. Er ist längst Teil davon – so selbstverständlich wie Zähneputzen.
www.team-haag-coaching.de



