
BREMISSIMA
Entdeckerin neuer Welten
Ingenieurin in der Raumfahrt, Model, Yogalehrerin und Mutter sind nur einige Stationen in einem Leben, das kaum in eine Schublade passt. Luisa Konga folgt ihrer Neugier und überrascht dabei immer wieder auch sich selbst.
Text: Andreas Schack
Fotos: Luisa Konga, Kevin Ehlers & Ina Seyer
Wer Luisa Konga kennenlernen möchte, sollte etwas Zeit mitbringen. Gerade erst ist sie aus Japan zurückgekommen. Am Vormittag hat sie auf einer Pressekonferenz noch über ihre Reise und die Zukunft der Raumfahrt gesprochen. Nun sitzt sie mit mir bei Matcha und Käsekuchen in einem Café in der Überseestadt. Ich treffe mich mit ihr, um herauszufinden, wie jemand so viele Leben in ein einziges packen kann. Eine schnelle Antwort darauf gibt es nicht. Aber es wird spannend.
Luisa Konga erzählt von Japan und einem Kugelfisch, den sie dort probiert hat. Jenem Fisch, der tödlich sein kann, wenn er nicht richtig zubereitet wird. Von Orcas vor der Küste Norwegens. Von einer Reise in die Antarktis, die sie unbedingt noch machen möchte. Von Kung Fu und Kampfsport. Von Raumfahrt. Von ihrer Tochter. Und auch von Laura Robby Rob, ihrem ersten Roboter.
Aufgewachsen ist die 36-Jährige in Essen. Schon als Kind interessierte sie sich für Dinge, die andere Kinder eher links liegen ließen. Während viele Mädchen mit Puppen spielten, baute die Dreijährige lieber einen Roboter. Sein Name: Laura Robby Rob. Bücher über das Space Shuttle, die Raumstation Mir und das Hubble-Teleskop standen im Regal ihrer Eltern. Ihr Vater nahm sie manchmal mit an die Universität. Technik wurde so für sie schon früh etwas Selbstverständliches.
Vorbilder habe sie eigentlich nie gehabt, erzählt sie. „Ich habe immer einfach geschaut, was mich interessiert.“ Dieser Satz zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Vieles von dem, was folgt, wirkt nicht wie ein durchgeplanter Karriereweg. Eher wie die Fortsetzung der Entdeckungsreise, die schon in ihrer Kindheit begann.
Mit 19 Jahren wird sie Mutter. Heute ist ihre Tochter 16 Jahre alt. Während viele Gleichaltrige damals noch über ihre Zukunft nachdenken, kümmert sie sich um ihr Kind, studiert Maschinenbau und muss ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. „Es gab schon Momente, in denen ich dachte: Wie soll ich das alles schaffen?“ Sie sagt das ruhig. Ohne Pathos. Vielleicht, weil diese Zeit längst hinter ihr liegt. Vielleicht auch, weil sie gelernt hat, Herausforderungen pragmatisch zu begegnen. Für Tage, an denen Studium, Kind und Zukunftsängste gleichzeitig an ihr zerrten, entwickelte Luisa Konga einen eigenen Trick: „Ich habe einen Wecker gestellt und mir selbst gesagt: Okay, jetzt hast du zwei Minuten Zeit zum Heulen. Und danach reißt du dich zusammen und machst weiter.“

Um ihr Studium zu finanzieren, bewarb sich Luisa Konga als Model. Was zunächst vor allem Geld in die Haushaltskasse bringen sollte, entwickelte sich schnell weiter. Sie stand vor der Kamera für Werbekampagnen, war im Fernsehen zu sehen und in internationalen Magazinen.
Parallel absolvierte sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Später gründete sie mit der Yoga Konga GmbH sogar ihr eigenes Unternehmen für nachhaltige Yogakleidung. Die Marke verband das afrikanische Yoga Smai Tawi mit ökologisch und fair produzierten Produkten. Auch daraus entstanden Berichte in Magazinen wie Vogue, Glamour oder Elle. Wenn Luisa Konga etwas interessiert, taucht sie meist tief ein.
Das gilt auch für den Kampfsport. Was mit Interesse begann, führte schnell zu Kung Fu, Wushu und japanischer Schwertkunst. Eine Zeit lang beschäftigte sie sich ernsthaft mit der Frage, ob ihr Weg vielleicht nach China führen könnte. Nicht für ein Semester. Nicht für einen Sprachkurs. Sondern in den Shaolin-Tempel, den Geburtsort des Shaolin-Kung-Fu. „Das war tatsächlich eine echte Option“, erzählt sie. Heute muss sie selbst darüber lachen. Damals meinte sie es ernst.


Am Ende entscheidet sie sich für Bremen und ihr Masterstudium. Eine Entscheidung, die ihr Leben verändern wird. Denn Bremen wird für sie weit mehr als ein Studienort. „Für mich ist Bremen der Raumfahrtstandort überhaupt.“ Wer ihr zuhört, spürt, dass das kein Höflichkeitssatz einer Zugezogenen ist. Luisa Konga spricht über Raumfahrt und die Möglichkeiten in Bremen mit derselben Begeisterung, mit der andere über ihre Lieblingsband oder ihren Lieblingssport sprechen.
Bei Polaris Spaceplanes arbeitet sie an der Entwicklung von Hyperschallflugzeugen mit. Hier erlebt sie, wie Ideen aus Forschung und Wissenschaft Realität werden. Und hier kommt sie der technischen Leidenschaft näher, die sie seit ihrer Kindheit begleitet. Doch wer glaubt, damit sei ihre Neugier gestillt, irrt.
Während unseres Gesprächs springen die Themen mühelos weiter, von einem Kontinent zum nächsten. Orcas in Norwegen. Tauchen. Yoga. Eine Reise in die Antarktis. Und eine Bassgitarre. Bei diesem Thema muss sie wieder lachen. Sie spiele gerne Bass, erzählt sie. Zu gut werden wolle sie allerdings nicht. „Sonst gründe ich am Ende noch eine Band.“ Es ist einer dieser Momente, die zeigen, mit welcher Leichtigkeit sie ihre Interessen verfolgt. Nicht alles muss ein Beruf werden. Nicht jedes Hobby ein Projekt. Aber ausgeschlossen ist offenbar nichts.


Auch bei der Frage nach ihren Träumen muss sie nicht lange überlegen. Die Antwort kommt ohne Zögern: Astronautin. Aktuell macht sie ihren Pilotenschein. Einfach, weil sie gerne fliegen möchte. Und wenn sich daraus eines Tages die Möglichkeit ergeben sollte, ins Weltall zu fliegen? Die Antwort kommt genauso schnell wie zuvor. „Sofort.“ Daneben stehen auf ihrer Wunschliste Dinge, die bodenständiger wirken. Zeit mit ihrer Familie. Vielleicht noch einmal die große Liebe. Vielleicht weitere Kinder.
Immer wieder kommt das Gespräch auf ihre Tochter zurück. Mit sichtbarem Stolz spricht Luisa Konga über die junge Frau, die aus dem kleinen Mädchen mittlerweile geworden ist. Wichtig ist ihr vor allem eines: Dass ihre Tochter ihren eigenen Weg findet. Nicht den der Mutter. Den eigenen.
Noch eine letzte Frage. Welche Frage wird ihr eigentlich nie gestellt? Luisa Konga denkt lange nach. Länger als bei allen anderen Fragen. Dann sagt sie: „Nur selten fragt mich jemand, ob ich eigentlich auch mal Hilfe brauche.“ Viele Menschen gingen wohl davon aus, dass sie alles alleine schaffe. Dabei brauche auch sie Unterstützung. Freunde. Familie. Menschen, die da sind, wenn es schwierig wird.
Vielleicht ist genau das die Erkenntnis dieses Nachmittags. Hinter all den Rollen, Erfolgen und Abenteuern steckt keine Superheldin. Sondern eine Frau, die manchmal genauso zweifelt, kämpft und Unterstützung braucht wie jeder andere Mensch auch. Und die sich trotz aller Herausforderungen etwas bewahrt hat, das viele im Laufe ihres Lebens verlieren: die Neugier auf neue Welten.
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