
Schwachhauen Magazin
Kleine Fläche, große Wirkung
Wie der Kleingärtnerverein Schwachhausen aus einer brachliegenden Fläche einen blühenden Treffpunkt für Menschen und Insekten geschaffen hat.
Text: Franziska Tholema
Fotos: Vera Döpcke, Esther Bieback
Was passiert, wenn sich niemand so richtig zuständig fühlt – und trotzdem jemand etwas unternimmt? Eine kleine Brachfläche am Wochenmarkt in der Hermann-Henrich-Meier-Allee in Schwachhausen erzählt von Gemeinschaftssinn, Artenvielfalt und der Kraft ehrenamtlichen En-gagements. Und davon, warum manchmal wenige Quadratmeter genügen, um viel zu verändern. Im Gespräch mit Detlef Lerch und Dieter Vogt, dem 1. Vorstandsvorsitzenden des Kleingärtnervereins Schwachhausen e. V.
Wer heute über den Wochenmarkt an der H.-H.-Meier-Allee schlendert, bleibt unweigerlich kurz stehen. Wo früher eine triste, brachliegende Fläche zu sehen war, blühen inzwischen Stauden, summen Insekten und laden hübsche Bänke kurz zum Verweilen ein. Wie fing das hier alles an?
Eigentlich mit einem Satz, den wir immer wieder gehört haben: „Da müsste jemand doch mal etwas machen!“
Meistens bleibt es ja dann aber bei diesem Satz …
Ja, das stimmt! Die Fläche wurde immer als „Schandfleck“ bezeichnet, Marktbesucher gingen daran vorbei, Schulkinder ebenso, Menschen aus dem Gemeindezentrum auch. Aber weil die Zuständigkeiten bei verschiedenen Ämtern lagen, passierte eben lange nichts.
Was war schließlich der Grund, dass der Kleingärtnerverein Schwachhausen die Ärmel hochgekrempelt hat?
Viele von uns sind Gärtner aus ganzem Herzen – wir haben wirklich Spaß an dem, was wir tun! Und wir fanden den Gedanken gut, etwas für andere Menschen zu schaffen. Für diejenigen, die auf und um diesen Platz unterwegs sind. Aber eben auch für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten.
Das klingt nach sehr viel Arbeit.
Ja, das war es tatsächlich. Zunächst ging es vor allem um jede Menge Organisationsarbeit. Viele Beteiligte mussten zusammengebracht und verschiedene Schritte abgestimmt werden. Dabei war das Ortsamt Schwachhausen/Vahr eine große Unterstützung. Der Versuch, das Projekt bereits im vergangenen Jahr mithilfe einer Förderung umzusetzen, blieb zunächst erfolglos. Umso mehr haben wir uns gefreut, dass die Fläche im Frühjahr schließlich im Auftrag des Umweltbetriebs Bremen vorbereitet werden konnte. Die Erde musste teilweise ausgetauscht werden – und dann haben wir unsere Mitglieder aufgerufen, Pflanzen aus den eigenen Gärten mitzubringen.
Mit Erfolg?
Unbedingt! Mit großem Erfolg! Etwa 200 Stauden und mehrere Sträucher wurden gespendet! Im April haben wir dann in einer großen Pflanzaktion angefangen, die Fläche wirklich zu bearbeiten …
Und nicht nur die Fläche selbst, auch die Bänke sehen neu aus.
Stimmt – dabei sind sie es gar nicht. Wir haben die maroden Sitzflächen der vorhandenen Bänke abgebaut und durch neue ersetzt. Die Kosten haben Marktbetreiber und ansässige Geschäfte übernommen. Auch das ist eben Nachhaltigkeit: Bestehendes erhalten und reparieren, statt alles vollständig zu ersetzen.



Einen Garten anzulegen, ist die eine Sache. Die eigentliche Herausforderung beginnt ja oft erst danach, oder?
Natürlich müssen die Pflanzen gepflegt werden. In den ersten Tagen sind wir mit Fahrrädern und Gießkannen zur Fläche gefahren, um alles ausreichend zu wässern. Der Regen hat uns später geholfen. Mittlerweile wächst dort aber alles prächtig – übrigens auch das Unkraut …
Wer kümmert sich nun darum?
Ein Garten sorgt natürlich immer für Beschäftigung. Deshalb fahren aktuell regelmäßig einige Vereinsmitglieder hin und pflegen die Fläche ehrenamtlich.
Dieses Engagement scheint gut zum Verein zu passen. Der Kleingärtnerverein Schwachhausen ist ohnehin recht aktiv.
Ja, das würden wir schon sagen. Wir haben 162 Gärten und 164 aktive Mitglieder. Das Vereinsgelände liegt in Verlängerung der H.-H.-Meier-Allee zwischen den Haltestellen Wätjenstraße und Riensberg der Straßenbahnlinie 6. Der Verein und unser Nachbarverein „Kornblume“ sind aktiv im Aktionsbündnis „Rettet die Horner Spitze“. Hier betreibt der „Verein Kinder, Wald und Wiese“ eine offene Umwelt- und Jugendbildungsarbeit. Durch unsere zentrale Lage und gute Verkehrsanbindung gibt es in unseren Vereinen kaum Leerstände.
Viele Menschen denken bei Kleingärten immer noch an akkurat geschnittene Hecken und Gartenzwerge.
Dieses Bild greift viel zu kurz. Natürlich wird hier gegärtnert. Aber wir verstehen uns auch als ökologischen Lebensraum. Es gibt Blühstreifen, ein großes Insektenhotel, naturnahe Bereiche, einen Barfußpfad, einen Boule- und einen Grillplatz als gemeinschaftliche Treffpunkte – alles übrigens öffentlich nutzbar.
Was bedeutet „naturnah“ konkret?
Zum Beispiel, Lebensräume nicht überall zu stark zu ordnen. Unsere Entwässerungsgräben sind bewusst strukturreicher angelegt. Solche Bereiche speichern Wasser besser und bieten Amphibien, Insekten und anderen Kleintieren Rückzugsorte. Vielfalt entsteht selten auf steril aufge-räumten Flächen.
Also lieber ein bisschen Wildnis wagen?
Unbedingt. Viele heimische Wildbienen benötigen offene Bodenstellen, Totholz oder heimische Blühpflanzen. Ein perfekt aufgeräumter Garten sieht für Menschen oft ordentlich aus – ökologisch wertvoll ist er deshalb noch lange nicht.
Das ökologische Engagement des Vereins wurde ja bereits mehrfach ausgezeichnet.
Ja, darüber freuen wir uns natürlich sehr. Unter anderem wurden wir beim bundesweiten Wettbewerb „Wir tun was für Bienen“ ausgezeichnet. Außerdem konnten auf unserem Gelände einige seltene Schmetterlings- und Falterarten dokumentiert werden.

Man merkt, dass es hier um weit mehr als schöne Gärten geht.
Absolut. Uns geht es darum, Verantwortung für den Ort zu übernehmen, an dem wir leben. Das zeigt sich im Umgang mit der Natur und genauso im Umgang miteinander. Beides gehört für uns zusammen.
Wenn Passanten heute die neue Fläche betrachten – was hören Sie am häufigsten?
Viele sagen, dass sie dieser Ort früher gestört hat. Und dass sie sich freuen, was daraus geworden ist. Das sind für uns natürlich schöne Momente.
Weil man sieht, dass Engagement etwas verändert?
Genau. Die Fläche ist klein. Aber sie zeigt, dass Veränderung nicht immer mit großen Budgets oder großen Reden beginnt. Manchmal beginnt sie mit einer Schaufel, einer Staude und der Be-reitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Fast ein bisschen wie ein Gartenprinzip fürs Leben.
Vielleicht ist es das. Wer einen Garten anlegt, denkt immer an die Zukunft. Man pflanzt heute etwas, das morgen wächst. Und oft profitiert jemand davon, den man gar nicht unbedingt kennt.
Wenn es eine Botschaft dieser kleinen Fläche gäbe – welche wäre das?
Dass niemand zu klein oder zu wenig oder zu kraftlos ist, um etwas zu bewirken. Nicht jede gute Tat muss die Welt retten. Aber jede kann sie ein klein wenig schöner machen …
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