
BReMISSIMA
Sie ist wieder da!
Die Stimme von „Coco Jambo“ ist zurück. Judith Hildebrandt alias T-Seven über Mr. President,
die 90er und ihre Rückkehr auf die große Bühne.
Text: Andreas Schack
Fotos: SnapArt Michael Kremer, ZDF – Sacha Baumann – Die Giovanni Zarrella Show & Judith Hildebrandt
Wer in den 90er-Jahren tanzen ging, kannte ihre Stimme. Als Mitglied des Trios Mr. President eroberte Judith Hildebrandt die Popwelt. Mit Hits wie „Coco Jambo“, „I’ll Follow the Sun“ und „I Give You My Heart“ brachte die Bremer Band weltweit Tanzflächen zum Beben. Die Songs wurden millionenfach verkauft und gehören bis heute zum Soundtrack einer Dekade. Dann wurde es ruhig um sie. Für die große Öffentlichkeit zumindest. Jetzt ist sie wieder da.
Auslöser war kein Masterplan, sondern ein Anruf. Giovanni Zarrella meldete sich Ende letzten Jahres bei ihr. Ob sie nicht Lust hätte, „Coco Jambo“ mit ihm zu singen. Judith Hildebrandt stand damals gerade im Stall, den sie gemeinsam mit ihrem Mann Sven Jörg Buthmann im grünen Umland von Bremen betreibt. Pferdebox statt Garderobe, Gummistiefel statt High Heels. „Ich habe kurz nachgedacht und dann gesagt: Warum eigentlich nicht?“
Es war nicht nur dieser Anruf allein. In den Monaten zuvor hatten sich die Nachrichten auf ihrem Instagram-Kanal bereits gehäuft. Fans schrieben, markierten alte Auftritte, fragten, wann sie wieder auf einer großen Bühne stehen werde. „Ich habe kein Comeback geplant“, sagt sie. „Ich wurde eher gerufen.“
Der Auftritt bei Zarrella war ein Wendepunkt. Kurz darauf folgte schon die ZDF-Silvestershow – Millionenpublikum, große Bühne, vertraute Melodien. Und ein Gefühl, das anders war als früher. „Heute stehe ich da oben ohne Druck. Es geht nicht mehr darum, etwas beweisen zu müssen. Es geht um Freude.“

Wer die glamourösen Bilder der 90er im Kopf hat, vergisst leicht, wie eng getaktet dieses Leben war. Internationale Tourneen, Fernsehshows, Festivals in Europa, Asien und auch in den USA. „Wir hatten Pläne, auf denen stand, wann ich aufstehe, wann ich fliege, wann ich auf der Bühne stehe und wann ich lächle“, erinnert sie sich. „Das war ein Dauerlauf.“
Mit 14 stand sie erstmals professionell auf der Bühne, mit Anfang zwanzig war sie weltweit unterwegs. Viel Zeit, um sich selbst zu finden, blieb da nicht.
Backstage traf sie die Stars jener Zeit: Take That, NSYNC, Robbie Williams und die jungen Backstreet Boys. „Das war wie ein Wanderzirkus“, sagt sie. Man sah sich ständig auf Festivals, in Fernsehstudios, auf Preisverleihungen. Vieles wirkte glamourös, vieles war schlicht Arbeit und manches auch absurd. Robbie Williams etwa, damals noch nicht der Weltstar von heute. Bei einer Preisverleihung sei er durchaus interessiert gewesen, erinnert Judith sich. „Aber ich fand ihn damals ehrlich gesagt eher uninteressant“, sagt sie lachend. Zu jung, zu ungestüm, vielleicht auch einfach nicht ihr Typ. Jahre später sollte er Stadien füllen.

Mit Justin Timberlake und den Jungs von NSYNC verband sie dagegen eine ganz andere Erinnerung. Sie begegneten sich regelmäßig auf Festivals, flogen von Show zu Show. Timberlake war damals noch sehr jung und wollte unbedingt ein Tamagotchi. „Die gab es zu der Zeit nicht in den USA“, erzählt Hildebrandt. Als sie nach Japan reiste, brachte sie ihm eines mit. „Er hat sich riesig gefreut damals.“
Und dann gab es noch die Versuche, junge Popkarrieren strategisch zu verknüpfen. Die Mutter von Nick Carter soll einmal gehofft haben, Judith mit ihrem Sohn bekannt zu machen – vielleicht mehr als nur bekannt. „Das war ernst gemeint“, sagt sie heute. Für sie selbst war das jedoch nie ein Thema. „Ich habe mich nie als Teil irgendeines Plans gesehen.“
Der Blick hinter die Kulissen war nicht besonders romantisch. In Hotels wurden die Fans der Boybands von Managern koordiniert, Begegnungen organisiert, vieles lief kalkulierter ab, als das Publikum ahnte. „Ich war oft naiv“, sagt sie. „Ich dachte, die Mädchen seien verliebt. Bis ich merkte, dass es manchmal einfach nur um Geschichten für die Schule am nächsten Tag ging.“ Sie erzählt das ohne Bitterkeit. Eher mit einer Mischung aus Staunen und Abstand.
Das Musikgeschäft der 90er war männlich dominiert. „Vieles wurde damals als normal abgetan, was es nicht war“, sagt Hildebrandt heute. Sie habe Situationen erlebt, die sie heute anders einordne als damals. „MeToo gab es als Begriff noch nicht. Aber die Mechanismen waren da.“ Ihr Rat an junge Künstlerinnen ist klar: „Bleibt unabhängig. Baut euch etwas Eigenes auf. Und glaubt nicht, dass ihr alles mitmachen müsst.“
Zur Karriere gehörten in den 90ern auch Fotos für den Playboy. Sie spricht darüber ohne Zögern. „Es waren schöne Bilder, professionell gemacht. Ich habe mich nie unwohl gefühlt. Ich würde das wieder tun.“ Fotografiert wurde sie von Marco Glaviano, einem der renommiertesten Modefotografen seiner Zeit. Einige Aufnahmen wurden später in New York ausgestellt. Ein großformatiger Druck verschwand irgendwann – „den hätte ich ehrlich gesagt gern zurück“, sagt sie mit einem Lächeln.

Mit 23 zog sie die Reißleine. Zehn Jahre Showgeschäft, permanenter Leistungsdruck, kaum Pausen. „Ich war ausgebrannt“, sagt sie offen. „Ich wusste, wenn ich so weitermache, verliere ich mich.“ Der Abschied war bewusst. Kein Skandal, kein Drama. Einfach ein Schnitt.
Sie arbeitete in einem Modegeschäft, moderierte beim Radio, gründete eine Rockband. Und sie widmete sich intensiver einer Leidenschaft, die schon immer da war: Pferden. Mit neun begann sie zu reiten, mit elf bekam sie ihr erstes eigenes Pony. Heute arbeitet sie als Pferdetrainerin, Reitlehrerin und Vocal Coach. „Pferde reagieren nur auf das, was du wirklich ausstrahlst. Da kannst du dich nicht verstellen.“ Diese Klarheit hat sie geprägt. Und jetzt? Jetzt nennt sie sich wieder T-Seven, hat ihre Hits neu produziert, arbeitet an eigenen Songs. Parallel bleibt sie Pferdetrainerin, bleibt im Stall, bleibt in ihrem Alltag. „Ich habe mir ein Leben aufgebaut, das mir gehört“, sagt sie. „Die Bühne ist ein Teil davon, nicht alles.“
Der Unterschied zu früher ist spürbar. Kein Erwartungsdruck, kein permanentes Müssen. Wenn sie heute auftritt, dann, weil sie es will. „Ich genieße es. Die Leute freuen sich, ich freue mich. Mehr braucht es nicht.“ Judith Hildebrandt ist zurück. Nicht, weil sie es nötig hätte. Sondern weil es sich richtig gut anfühlt.
Instagram: tseven90



