
BReMISSIMA
Verstehst du das, Giovanni?
Ein Abend mit Giovanni di Lorenzo – ein Gespräch über 3nach9, Journalismus, Bremen und seine norddeutschen Seiten
Text: Andreas Schack
Fotos: Radio Bremen: Verena Hornung, Frank Pusch, Thorsten Jander & Hendrik Lüders
Einmal im Monat kommt er nach Bremen. Für 3nach9. Für die Talkshow, die hier entstanden und geblieben ist. Seit 1989 moderiert Giovanni di Lorenzo die Sendung. Mehr als drei Jahrzehnte sind das schon. Seit 2010 gemeinsam mit Judith Rakers. Am Abend vor der Sendung treffe ich ihn in der Osteria an der Schlachte. Bremissima-Verleger Lars Hendrik Vogel lädt uns ein.
Es ist laut. Stimmen, Gläser, Teller. Das Restaurant ist gut gefüllt. Wie ein italienischer Marktplatz am Abend. Als di Lorenzo zur Tür hereinkommt, geht er direkt auf den Chef und das Team der Osteria zu, begrüßt alle persönlich. Man kennt sich. Man freut sich. Er lächelt, nickt, wechselt ein paar Worte auf Italienisch. Kein großer Auftritt. Einfach ein Ankommen.
Wir bestellen. Di Lorenzo wählt den Oktopus-Salat. Wie so oft. Später wird es auf Empfehlung des Küchenchefs noch Tagliatelle mit frisch geriebenem Trüffel geben. Ich bin unsicher, ob ich in einem italienischen Restaurant einen Grauburgunder bestellen sollte. „Das ist doch so deutsch, oder?“ Di Lorenzo lächelt und beruhigt mich. „Das ist in Ordnung.“ Gewohnheiten sind wichtig. Kleine Rituale gehören dazu.
Zu diesen Ritualen gehörte früher auch eine Bratwurst am Bremer Hauptbahnhof mit Kollegin Judith Rakers. „Seit Jahren nicht mehr“, sagt er. Er kommt inzwischen meist schon am Donnerstag nach Bremen, sie erst am Tag der Sendung. So sehen sich die beiden erst im Studio. Aber es gibt andere Konstanten. „Einmal im Monat habe ich die Möglichkeit, hier im Parkhotel ganz gut zu schlafen.“ Wenn die Zeit reicht, geht er morgens in den Bürgerpark. Laufen. Kurz durchatmen. „Das ist schon toll.“ Wir sprechen über Bremen. Über den Ratskeller. Den Marktplatz mit Rathaus. Über hanseatische Zurückhaltung. „Bremen ist eine Stadt, die nicht ständig betonen muss, wie großartig sie ist. Das mag ich“, sagt er.

3nach9
Die Bremer sind stolz auf ihre Talkshow. Seit 52 Jahren gibt es die Sendung. Was 1974 als Experiment begann, ist zu einer festen Größe geworden. Im Schnitt erreicht 3nach9 heute rund 1,3 Millionen Zuschauer. Auf ihrem Sendeplatz gehört sie damit regelmäßig zur Spitze. „Ich glaube, diese Sendung konnte nur in Bremen entstehen“, sagt di Lorenzo. Wegen des Experimentiergeists der Siebzigerjahre, wegen der hanseatischen Nüchternheit, vielleicht auch wegen dieser Mischung aus Zurückhaltung und Offenheit.
Was er mit der Sendung jedoch auch verbindet, ist dieses Gefühl kurz vor dem Start: Lampenfieber. „Das wird nicht besser“, verrät er uns. „Kurz davor denke ich immer: Weg, nur weg.“ Man merkt es ihm nicht an. Vielleicht, weil Routine und Professionalität inzwischen stärker sind als die Nervosität. Vielleicht, weil Judith Rakers an seiner Seite ist – ruhig, konzentriert und aufmerksam. Wir bemerken, dass er auf uns auch ruhig und zurückhaltend, fast norddeutsch wirkt. Er lacht und freut sich sichtbar darüber. „Das ist das erste Mal, dass mir norddeutsche Eigenschaften zugeschrieben werden.“ Er lebt seit Jahrzehnten hier oben. „Wäre auch schlimm, wenn das nicht ein bisschen abfärbt.“
Giovanni di Lorenzo wurde 1959 in Stockholm als Sohn eines Italieners und einer Deutschen geboren. Er verbrachte Teile seiner Kindheit in Italien und kam im Alter von etwa elf Jahren mit seiner Mutter nach Hannover, wo er zur Schule ging und in Deutschland aufwuchs – eine Erfahrung, die seinen Blick auf Kultur und Sprache früh geprägt hat.

Auswahl der Gäste
Die Vorbereitungen für 3nach9 beginnen Wochen vorher, erzählt er. Die Bücher der Gäste lesen, ihre Filme schauen, Interviews studieren – das machen die beiden Moderatoren selbst. Ein starkes Redaktionsteam von Radio Bremen unterstützt sie. Es gibt ausführliche Dossiers. Doch die Verantwortung für den Ton, für den Rhythmus, für die entscheidenden Fragen liegt am Ende bei den beiden.
Wie kommen die Gäste in die Sendung? „Darüber gibt es völlig falsche Vorstellungen“, erzählt er. Ständig wollten Menschen jemanden unterbringen.Doch die Redaktion lasse sich „null reinreden“. Autonomie sei ihr heilig. Und selbst wenn er oder Judith einen Vorschlag machten, heiße das noch lange nicht, dass dieser umgesetzt werde. Die Redaktion entscheidet. Punkt.
Wenn di Lorenzo über seine verschiedenen Gäste spricht, ist er konzentriert. „Es ist nicht meine Energie, Menschen vorzuführen“, sagt er. „Sondern Herzen zu öffnen.“ Nicht jedes Gespräch gelingt. „Es gibt viele Gespräche, die schiefgegangen sind, weil ich den falschen Ton getroffen habe.“ Das verfolgt ihn tagelang, manchmal auch nächtelang.

Journalismus, Haltung, Vertrauen
Dann wird es grundsätzlicher. Medien und Journalisten sehen sich zunehmender Kritik gegenüber. Ich frage ihn, was für Journalisten wichtiger sei: Haltung zu zeigen oder Vertrauen zu schaffen. „Unser wichtigstes Kapital ist Vertrauen und Glaubwürdigkeit“, antwortet di Lorenzo ohne Zögern. Haltung könne es in historischen Ausnahmesituationen brauchen. Aber im Normalfall gehe es darum, sauber zu recherchieren, verschiedene Perspektiven abzubilden, sich selbst nicht wichtiger zu nehmen als die Sache.
Er glaube an Medien, die unterschiedliche Meinungen zulassen.
„Ich möchte herausgefordert werden“, sagt er. Der Journalist sei da, um zu fragen. Und um zu lernen. Das passe im Übrigen auch sehr gut zu seinem neuen Online-Format: „Verstehst du das, Giovanni?“ – so heißt es. Sieben Minuten Politik erklärt. Auf YouTube, auf Instagram. Hunderttausende Abrufe. Manchmal, sagt er, ist die ehrlichste Antwort: „Ich versteh’s nicht.“ Und auch davor scheut er sich nicht.
Seit 2004 ist Giovanni di Lorenzo Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit. In seinem Hamburger Büro stapeln sich die Titelblätter. Wände und sogar die Decke sind damit tapeziert. Irgendwann, so sagte er einmal halb im Scherz, werde er aufhören, wenn alles voll sei. Heute lächelt er darüber. Manchmal, erzählt er, habe er den Verdacht, seine Assistentin halte bewusst immer noch ein bisschen Raum frei. Denn ans Aufhören denkt er nicht. Der Zeit will er treu bleiben – so lange wie möglich.
Bevor wir auseinandergehen, will ich noch wissen, was als Nächstes auf ihn wartet. Er erzählt von der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Mailand, die er für die ARD kommentieren wird. Trotz all seiner Erfahrung bereitet er sich auch darauf akribisch vor. „Nichts wird aus dem Ärmel geschüttelt.“ Das ist ihm wichtig.
Als wir die Osteria verlassen, ist es immer noch laut. Und doch haben wir uns gut verstanden. Und Giovanni di Lorenzo besser kennengelernt.
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