
BREMISSIMA
Kunst.
Können.
Klick.
Fotografin Elisa Meyer
Text: Franziska Tholema
Fotos: Elisa Meyer, Franziska Tholema
Alter Raum, neues Studio: Seit dem 1. November 2025 fotografiert Elisa Meyer in der Alten Molkerei in Worpswede. Ein Ort, der bewusst nicht nach steriler Technik riecht – sondern nach Handwerk und echter Haltung.
Kennen Sie dieses besondere Geräusch einer Spiegelreflexkamera? Das einfache, etwas trockene Klicken in dem Moment, wenn der Spiegel in der Kamera nach oben klappt und das Foto quasi im Kasten ist? Für Elisa Meyer gehört dieses Klicken zu ihren Lieblingsgeräuschen. Vielleicht, weil man es heute nur noch selten hört. Und weil darin alles mitschwingt, was ihre Arbeit ausmacht: präzises Handwerk, ein geschulter Blick für echte Momente und eine Professionalität, die sich nicht nur auf Technik verlässt.
Ort mit Geschichte
Elisa sitzt in ihrem Studio mitten in Worpswede, auf einer antiken Récamiere, die aus der Zeit stammen könnte, in der die Ochsengespanne tatsächlich noch die Milch hier zur Alten Molkerei zogen. Es ist ein Haus mit Geschichte, mit Vergangenheit, mit Kunst im Fundament. 1940 als Molkerei gebaut, später Kulturzentrum, bis vor Kurzem sogar mit einem kleinen Theater. Heute ist die Alte Molkerei ein Begriff. Ein Ort für Kunst und Handwerk – und Elisa. „Hier fühlt sich für mich einfach alles richtig an“, sagt sie. „Genau hier will ich sein.“ Ursprünglichkeit, Bodenständigkeit und Echtheit prägen ihre Arbeit und ihr Leben – kein Wunder, dass Worpswede für sie mehr ist als nur ein Ort.
Die D6 – eine schwere, digitale Spiegelreflexkamera von Nikon – ruht in ihrer Hand, als wäre sie dort hineingewachsen. Wenn Elisa abdrückt, macht es klick. Ein echtes Klick, eines, das fast schon nostalgisch wirkt in einer Welt, die das Geräusch längst digitalisiert und weichgespült hat. Aber: „Ich bin Handwerkerin“, sagt Elisa. Keine Pose, kein Image-Gerede oder Marketing-Sprache. Sondern eine schlichte, authentische Erkenntnis.
Vielleicht liegt das an ihrer Herkunft. Elisa wächst in einem winzigen Dorf in Niedersachsen auf, in dem mehr Tiere als Menschen leben. Ein Ort, in dem Holz riecht wie Holz, Arbeit nach Arbeit klingt und Stille nicht bedrohlich ist, sondern verlässlich. Ihr Vater ist Tischler, ihre Mutter Stuhlflechterin – und dass Elisa die Arbeit mit ihren Händen liebt, überrascht hier eigentlich niemanden.



Erste Begegnung, erste Erfahrung
Mit 14 Jahren besucht sie ihren ersten Fotokurs – damals noch zusammen mit ihrer Freundin, die einfach gerne Fotos macht. Elisa interessiert sich aber eher für das, was in der Kamera passiert, als davor. Sie entdeckt in diesem Moment ihre Leidenschaft – nicht nur für die Arbeit mit ganz unterschiedlichen Menschen oder für die großen schweren Kameras selbst, sondern vor allem für die Laborarbeit: das Alchemistische, das Präzise, das, was man nur mit den eigenen Händen schaffen kann. „Fünfzig Prozent Technik, fünfzig Prozent Kreativität“, sagt sie heute rückblickend lächelnd. Und in ihrem Fall hundert Prozent Leidenschaft.
Mit sechzehn macht sie dann ein erstes Praktikum bei Matthias Hoffmann, einem Mann, der in der Food-Fotografie ein Meister ist und daher auch als „Meisterknipser“ bekannt ist – technisch brillant, kreativ unbeirrbar. Elisa beobachtet, wie er zum Beispiel Erbsen fotografiert, winzig klein – groß und vollkommen im Bild, wie er Licht formt, Schatten setzt, Geschichten aus Alltäglichem erzählt. Sie ist fasziniert. Und weiß spätestens in diesem Moment, wohin sie will.

Leidenschaft im Labor
Und so beginnt sie mit achtzehn Jahren ihre Ausbildung im Studio B, ebenfalls in Bremen – einem großen Werbestudio also, in dem sie sich und zahlreiche Bilder entwickelt. Sie lernt die Präzision der Werbewelt, die Ruhe im Chaos, die Kunst, innerhalb einer Sekunde präsent zu sein. Sie wird sicherer, mutiger, technischer – gleichzeitig aber auch immer freier. Als Fotografieren plötzlich immer weniger im Labor, sondern am Computer stattfindet, hadert sie. Doch sie bleibt der Fotografie treu, weil ihr Herz nun mal dort schlägt, wo das Licht auf die Linse trifft.
Nach der Lehre steigt sie dann fest ein. Werbefotografie, Portraitfotografie, Aktfotografie – nach einiger Zeit leitet sie das Portraitstudio „Das gute Portrait“. Doch das reicht Elisa irgendwann nicht mehr aus. Sie will freier sein, freier arbeiten, freier fotografieren. Also springt sie. Raus in die Freiheit, raus aus der Sicherheit, rein in den Sielwall, mitten in Bremen. Ihr erstes eigenes Studio. Wer Angst vor der Kamera hat, entspannt sich bei ihr schnell. „Es ist wie tanzen“, sagt sie – und sie führt so sicher, dass niemand die Schritte kennen muss. Und so fotografiert sie Familien an ihren jeweiligen Lieblingsplätzen in der Stadt, begleitet mit ihrer Kamera Geschäftsleute bei Vertragsunterzeichnungen und ist bei Familienfesten und Hochzeiten ganz nah dran. Sie fotografiert große Gruppen, kleine Augenblicke, Politiker, Künstlerinnen, Sexarbeiterinnen, einfache Leute, besondere Leute, alltägliche Themen, moderne Kunst, Familienchaos, Traditionen und Tabus.

Unverwechselbarkeit eines Moments
Und auch nach 17 Jahren Selbstständigkeit und 24 Jahren Fotografie langweilt sie immer noch nichts. Jede Person ist neu, jede Begegnung ein Anfang, jedes Foto authentisch, einzigartig, anders. „Vielleicht gleicht eine Blume auf den ersten Blick der anderen“, sagt sie. „Aber wenn man sich zu ihr herunterbeugt und sie richtig ansieht, merkt man: Jede Blume ist einzigartig und hat ihre ganz eigenen Besonderheiten.“ Die Kamera ist bei ihr das Werkzeug, um genau dieses Hinsehen festzuhalten. Ein Blick. Ein Atemzug. Ein Klick eben.
Vielleicht ist genau das Elisas Geheimnis: Sie zeigt nicht, wie jemand aussieht – sondern wer jemand ist. Nicht schneller, nicht lauter, nicht glatter – sondern einfach ehrlich. Und am Ende entsteht ein Bild, das wirkt, weil jemand für einen Moment lang wirklich hinschaut …
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