
BREMISSIMA
Christina Wandscher:
Unternehmerin in Bewegung
Die Wandscher Gruppe feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum. In Bremen führt Christina Wandscher das Autohaus – mit 13 Marken, einem jungen Team und viel Lust auf Mobilität.
Text: Andreas Schack
Fotos: Britta Gottschalk
Wer das Autohaus an der Steubenstraße betritt, bemerkt sofort diesen vertrauten Duft aus Neuwagen, Reifen und einem Hauch Öl aus der Werkstatt, der zu diesem Ort gehört wie die glänzenden Modelle im Showroom. Eine Leseecke lädt Kundinnen und Kunden zum kurzen Warten ein. Die Bremissima liegt dort neben Autozeitschriften aus. Den Kaffee gibt es in Porzellantassen. „Wenn jemand zu uns kommt, soll er sich gesehen fühlen“, sagt Christina Wandscher. „Kaffee aus einer richtigen Tasse gehört für mich dazu.“
Die 29-Jährige leitet den Bremer Standort seit der Eröffnung im Mai 2021. Was damals mitten in der Corona-Zeit als mutiges Projekt begann, ist heute fester Bestandteil der Bremer Autolandschaft. Fiat, Alfa Romeo, Jeep, Opel, Peugeot, Citroën und BYD – die Liste der Marken an der Hausfassade ist lang. „Wir wollen Mobilität für alle ermöglichen“, sagt sie. „Vom Einstiegsauto bis zur großen Flotte für Unternehmen.“
Rückhalt gibt ihr eine Gruppe, die in diesem Jahr ein rundes Jubiläum feiert. 1986 gründete ihr Vater Thomas Wandscher in Oldenburg das erste Autohaus der Familie. Heute umfasst die Wandscher Gruppe sechs Standorte, rund 170 Mitarbeitende und einen Jahresumsatz von etwa 350 Millionen Euro. Der Claim für das Jubiläum lautet entsprechend: „Mobilmacher seit 1986.“
Von der Tochter zur Chefin
Der Weg von Christina Wandscher ins Autohaus war alles andere als vorgezeichnet. Aufgewachsen in Oldenburg bei Mutter Hanna und Vater Thomas, Grundschule in Kreyenbrück, Abitur 2014 am Herbart-Gymnasium. Mit Autos hatte sie lange wenig zu tun. „Ich war eher das klassische Pferdemädchen und bin viel geritten“, erzählt sie. „Natürlich war ich ab und zu auch im Autohaus meines Vaters. Aber eher drei Mal im Jahr als jeden Tag.“
Dass sie dennoch im elterlichen Unternehmen landen würde, entscheidet sich erst nach dem Abitur. Statt direkt zu studieren, beginnt sie eine Ausbildung zur Automobilkauffrau – bewusst nicht im Stammsitz, sondern im ostfriesischen Aurich. „Ich wollte keine Sonderrolle als Tochter des Chefs“, sagt sie. „Dort war ich eine ganz normale Auszubildende.“
Auf die verkürzte Ausbildung folgt ein duales BWL-Studium in Oldenburg, Schwerpunkt strategisches Management und Personalführung. Die Bachelorarbeit widmet sie einem Thema, das sie bis heute umtreibt: dem Unterschied zwischen patriarchalem Führungsstil und einem inklusiven Ansatz, der Mitarbeitende einbezieht. „Am Ende liegt die Lösung irgendwo dazwischen“, sagt sie. „Man braucht klare Entscheidungen. Aber auch ein Team, das Verantwortung übernimmt.“
2019 bittet ihr Vater sie, den nächsten Schritt zu gehen. Die Gruppe will nach Bremen expandieren. Die Bedingung: „Er würde das nur machen, wenn ich hier die Geschäftsleitung übernehme“, erinnert sie sich. Die Finanzierung, der Kauf des Gebäudes – früher Gebrauchtwagenzentrum von Schmidt & Koch, später in der Hand eines Logistikunternehmens – und die Gespräche mit den Herstellern organisiert er. „Aber ab dem Moment der Eröffnung hat er mir komplett vertraut“, sagt sie. „Er war im ersten Jahr nicht ein einziges Mal hier. Das war eine enorme Verantwortung und eine riesige Chance.“


Auto-Show statt Sparflamme
Die Rahmenbedingungen konnten schwieriger kaum sein: Corona, Kurzarbeit, keine offizielle Eröffnungsfeier erlaubt. „Wir sind praktisch auf Sparflamme gestartet“, erinnert sich Wandscher. Gleichzeitig spürt sie schnell, welches Potenzial Bremen bietet. „Man merkt, dass wir hier in einer Großstadt sind. Die Frequenz, die Vielfalt der Kundschaft, die Anfragen. Das ist etwas anderes als in Aurich oder Wilhelmshaven.“
Heute arbeiten in Bremen rund 40 Menschen in Verkauf, Service und Werkstatt. Buchhaltung, Disposition, Marketing und Großkundengeschäft sitzen in einem zusätzlichen Büro in der Überseestadt – mit Weserblick. „Ich wollte nicht nur dort wohnen, sondern auch arbeiten“, sagt sie und lacht. „Und irgendwann hatten wir so wenig Platz im Haus, dass das ohnehin nötig war.“
Die Gruppe verkauft jährlich rund 20.000 Neuwagen. Etwa 40 Prozent bleiben im jeweiligen Marktgebiet, der Rest geht überregionale Wege – zu Kunden in ganz Deutschland und zu anderen Autohäusern, die nicht mehr direkt beim Hersteller einkaufen können. „Viele kleine Betriebe haben hervorragenden Service, aber nicht die Konditionen für große Einkaufsmengen“, erklärt Wandscher. „Wir beliefern sie und sichern uns damit eine weitere Säule im Vertrieb.“
Online-Vertrieb oder Probefahrt
Reine Online-Shops für den Autokauf sieht Wandscher skeptisch. Zwar betreibt die Gruppe eine eigene Online-Abteilung, die rund 2.000 Fahrzeuge im Jahr an Kunden verkauft, die nie im Autohaus waren. „Das ist gutes, schnelles Geschäft“, sagt sie. „Aber es ersetzt nicht die persönliche Beratung.“
Viele Menschen wollten ihr Auto sehen, anfassen, den Innenraum riechen, bevor sie unterschreiben. Gerade bei Kauf oder Finanzierung sei das ein emotionaler Moment. „Wer sein Traumauto sucht oder eine Mobilität, die zum eigenen Leben passt, entscheidet nicht nur nach Zahlen“, sagt sie. „Da geht es um Gefühl, um Vertrauen. Und das entsteht nur im persönlichen Gespräch.“
Gleichzeitig haben Transparenz und Vergleichbarkeit zugenommen. „Unsere Kunden informieren sich hervorragend im Netz – egal in welchem Alter“, sagt Wandscher. „Preise, Zinssätze, Leasing-raten – alles wird verglichen. Und das ist völlig in Ordnung.“ Ihre Antwort darauf ist Klarheit: Pakete, die vom günstigen Einstiegsmodell bis zum italienischen SUV reichen, flexible Finanzierungsmodelle und ein Service, der niemanden wegschickt. „Wir wollen Lösungen finden und nicht Gründe, warum etwas nicht geht.“
Ausbilden statt klagen
Ein Thema, das sie besonders beschäftigt, ist der Fachkräftemangel. Statt darüber zu klagen, setzt die Gruppe seit Jahren konsequent auf Ausbildung: Automobilkaufleute, Mechatronikerinnen und Mechatroniker, kaufmännische Berufe – die Liste ist lang. „Wir versuchen, junge Menschen früh an uns zu binden“, sagt Wandscher. „Wer im dritten Lehrjahr zeigt, dass er oder sie motiviert ist, bekommt bei uns ein Angebot für die Zeit danach.“
Dabei orientiert sich die Ausbildung nicht nur an IHK-Plänen. „Wir schauen, wo die Stärken liegen und wie wir jemanden spezialisieren können“, erklärt sie. Der Nebeneffekt: Man kennt sich – und oft auch die Familien – seit Jahren. „Das schafft eine andere Bindung, als wenn jemand erst als fertige Fachkraft zu uns kommt.“

Als Frau in einer Männerbranche
Wenn Christina Wandscher von ihrer Rolle als Frau in einer deutlich männlich geprägten Branche spricht, tut sie das ohne Pathos. „Ich bin in vielen Runden das sprichwörtliche Einhorn“, sagt sie. „Aber das hat Vor- und Nachteile.“ Ihr Name falle auf; man erinnere sich leichter an sie. Gleichzeitig müsse sie sich fachlich manchmal stärker beweisen als männliche Kollegen.
„Mir ist wichtig, Gespräche auf Augenhöhe zu führen“, sagt sie. „Wenn man mit Kompetenz und Klarheit auftritt, löst sich vieles sehr schnell auf.“ Von der Idee, Frauen im Beruf grundsätzlich als benachteiligt zu sehen, hält sie wenig. „Es gibt Vorteile, Frau zu sein, und Vorteile, Mann zu sein. Entscheidend ist, was man daraus macht.“
Zuhause an der Weser
Privat hat sie ihren Lebensmittelpunkt klar nach Bremen verlegt. Nach einer Zwischenstation in Habenhausen lebt sie heute in der Überseestadt. Dort beginnt oder endet oft ihr Tag: Spaziergänge mit den beiden Hunden Peanut und Stormy an der Weserpromenade, Sonnenuntergang inklusive. „Das entschleunigt“, sagt sie.
Ausgleich findet sie außerdem beim Tennis – in Oberneuland und Delmenhorst – sowie im Fitnessstudio. Und dann ist da noch eine besondere Leidenschaft, die sie mit ihrem Vater teilt: das Motorradfahren. Einmal im Jahr geht es zur Vatertagstour, häufig in den Harz oder an die Ostsee. Gefahren wird eine BMW-Touring-Maschine. „Ein bisschen mein Altherrenmotorrad“, sagt sie und lacht. „Aber sie ist bequem, sportlich und perfekt für lange Strecken.“
In der Kombination aus strategischem Denken, Lust auf Bewegung und gelebter Bodenständigkeit liegt wohl das Geheimnis ihres Erfolgs. Während im Showroom neue Modelle glänzen und draußen an der Fassade der Claim „Mehr Marken, mehr Möglichkeiten“ prangt, arbeitet das Team im Hintergrund bereits an der nächsten Etappe: dem Jubiläumsjahr 2026 – mit besonderen Aktionen für Kundinnen und Kunden und einem großen Sommerfest für die Belegschaft.
„Wir sind Mobilmacher seit 1986“, sagt Christina Wandscher. „Und wir haben noch viele Ideen, wie wir Menschen in Bewegung bringen können – in Bremen und darüber hinaus.“
www.wandscher-gruppe.de



